„Im afrikanischen Zimbabwe wurde am 2. Mai 2024 (orthodoxer Gründonnerstag) Angelic Molen1 zur Diakonin geweiht. Die Weihe in der orthodoxen Kathedrale der Hauptstadt Harare nahm der orthodoxe Bischof von Zimbabwe, Metropolitan Serafim (Kykotis), vor. Metropolit Serafim sagte, die neue Diakonin werde sowohl liturgische als auch pastorale Aufgaben übernehmen; je nach den spezifischen Bedürfnissen der einzelnen Pfarrgemeinden. – Die Weihe sorgte international in der orthodoxen Kirche und darüber hinaus für Aufsehen.“2
In interessierten Kreisen verschiedener Konfessionen – auch bei Angehörigen orthodoxer Kirchen – dürfte diese Nachricht aus dem griechisch-orthodoxen Patriarchat von Alexandrien bei den einen grosse Freude, bei anderen Irritation oder gar Empörung ausgelöst haben. Das Thema „Frauenordination“ ist seit Jahrzehnten – oder besser: seit Jahrhunderten – ein kontrovers diskutiertes, heisses Eisen. Ein Beispiel aus nicht allzu entfernter Vergangenheit: Vor bald vierzig Jahren, im September 1986, fand eine Tagung zur Fragestellung statt: „Warum keine Ordination der Frau?“ Einer der Referierenden, der griechisch-orthodoxe Theologe Evangelos Theodorou eröffnete seinen Vortrag mit folgender Bemerkung: „Die Fragestellung ‚Warum keine Ordination der Frau?‘ kann eine zweifache Bedeutung haben. Die erstmögliche Bedeutung wäre: ‚Aus welchem Grunde findet keine Ordination von Frauen und folglich auch keine Aufnahme von Frauen in den Klerus statt?‘ Und die zweitmögliche Bedeutung wäre: ‚Warum stellt man die falsche Behauptung auf, dass Frauen nicht ordiniert und nicht in den Klerus Eingang finden dürfen?‘ Die orthodoxe Überlieferung begegnet der Fragestellung dieser Tagung sogar unter ihren beiden Bedeutungen. Die Antwort auf die Frage mit ihrer ersten Bedeutung bezieht sich auf die Ordination, welche die Presbyter und die Bischöfe empfangen, während die Antwort auf die Frage mit der zweiten Bedeutung das Diakonat betrifft.“3

Aus diesen einleitenden Worten Theodorou wird bereits klar: Es gibt von je her eine strikte, aber theologisch heute kaum mehr nachvollziehbare Tradition, den Frauen das Priestertum und das Bischofsamt in den orthodoxen Kirchen zu verwehren, dies gilt aber keineswegs für das Amt der Diakonin. Zur Ablehnung der Frauenordination zum Priestertum sagt er: „Die herangezogenen vorgebrachten […] Gründe, welche die Frau davon ausschliessen, Pfarrerin oder Bischöfin zu sein, sind zeitbedingt und von der jahrhundertealten sozialen Unterschätzung oder Diskriminierung der Frau belastet. Darum sollten im Jahrhundert der Verfechtung der Gleichstellung der Geschlechter solche Argumente revidiert oder neu formuliert werden“ (S. 31). Eine Hilfe dazu könnte aber die seit je her in der byzantinischen Kirche bestehende Tradition der „Diakonissenordination“ sein. Dabei hält Theodorou fest, dass aufgrund der verschiedenen, in der griechisch-orthodoxen Kirche überlieferten Ordinationsritualen, besonders der Weihegebete, die Weihe der Frau zur Diakonisse keineswegs der Weihe oder Segnung des niederen Klerus, etwa des Lektors, des Vorsängers oder des Subdiakons, entspricht, wie oft behauptet wird. „Die Ordination (Cheirotonie) der Diakonissen“, betont er, „besitzt absolute Gleichheit mit den Ordinationen der höheren Kleriker (des Diakons, des Presbyters oder Priesters und des Bischofs)“ (S. 35).
Die Diakonissen gehörten somit eindeutig zum Klerus…
…und sie bildeten eine eigene Ordnung des ordinierten weiblichen Kirchenamtes. „Es gab keine anderen niederen oder höhere Klassen von weiblichem Klerus. Sie formten gleichsam einen Anhang und eine – für die Diakonie nötige – Ergänzung des Diakonenamtes“ (S.36). Gerade der Aspekt der Ergänzung spricht stark für sich: In den verschiedenen caritativen und pastoralen Aufgaben war es in der frühen Kirche unbedingt notwendig, dass Frauen bestimmte Aufgaben übernahmen; wie hätte beispielsweise ein Bischof die damals übliche Ganzkörpersalbung bei der Taufe einer Frau durchführen sollen, ohne grösstes Ärgernis zu erzeugen? Die Diakonisse wurde in vielfältige seelsorgerliche, caritative, katechetische und liturgische Aufgaben eingebunden; gerade im Kontakt mit Frauen und Kindern war sie unentbehrlich. Interessant ist, zu sehen, wie die „Apostolischen Konstitutionen“ das Amt der Diakonisse in den Klerus einreiht. Wird der Bischof mit Gott dem Vater, der Diakon mit Christus und der Priester mit den Aposteln verglichen, so wird die Diakonisse mit dem Heiligen Geist in Verbindung gebracht. Ein stimmiges Bild, zumal ja der Heilige Geist sehr oft als das Weibliche, Schöpferische, Lebendige, Zugewandte in Gott empfunden und entsprechend gedeutet wird. Die Diakonisse also ein Abbild des Heiligen Geistes.
Metropolit Serafim wagte es also, mit der Weihe einer Frau zur Diakonin eine alte Tradition wieder zu beleben, eine Tradition, die bis heute im Kirchenrecht der griechisch-orthodoxen Kirche verankert ist. Bemerkenswert ist, dass er nicht mehr zwischen der Weihe eines Diakons oder der Weihe einer Diakonin/Diakonisse unterscheidet.
In Kirchen anderer Konfessionen,
z.B. in der Christkatholischen oder in der anglikanischen Kirche ist dies schon lange geschehen und Frauen werden zu Diakoninnen (und Priesterinnen) ordiniert. In der römisch-katholischen Kirche schien es bis vor kurzem, dass man der Wiederbelebung des Frauendiakonates näherkommen würde.
Vatikanische Kommission zum Frauendiakonat
Im April 2020 meldete der Vatikan: „Papst Franziskus hat eine neue Studienkommission zur Untersuchung des Frauendiakonats eingerichtet. Mit Barbara Hallensleben und Manfred Hauke gehören dem Gremium zwei deutsche, in der Schweiz lehrende Dogmatiker an.“ Und weiter hiess es in dieser Mitteilung: „Einige katholische Ortskirchen äussern Bedarf am Frauendiakonat. Bei der Amazonien-Synode im vergangenen Oktober kam das Thema häufig auf; das mit Zweidrittelmehrheit der Synodenväter gebilligte Schlussdokument schlägt vor, die Möglichkeit eines solchen Dienstes für Katholikinnen weiterhin zu prüfen. […]. In der Orthodoxie hatte zuletzt das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel eine Wiederbelebung des Frauendiakonats ins Spiel gebracht. Sachverständige erörtern das Für und Wider einer Zulassung von Frauen zum Diakonat seit vielen Jahren.“4 Dass die römisch-katholische Kirche ernsthaft das Thema Frauendiakonat prüft und sich damit auf viele diesbezügliche Anfragen aus kirchlichen Kreisen eingelassen hat, wurde mit Freude und Dankbarkeit aufgenommen. Umso mehr irritieren nun die letzthin gemachten Aussagen von Papst Franziskus, denn:
„In einem Interview des US-TV-Senders CBS hatte die Moderatorin den Papst gefragt, ob ein Mädchen, das heute katholisch aufwachse, jemals die Möglichkeit haben werde, Diakonin und damit Mitglied des kirchlichen Klerus zu werden. Franziskus’ Antwort darauf war ein schlichtes ‚Nein‘. Auf Nachfrage erklärte er: ‚Handelt es sich um geweihte Diakone, dann nein. Aber Frauen haben immer, würde ich sagen, Aufgaben einer Diakonin übernommen, ohne Diakon zu sein. Frauen sind grossartig im Dienst als Frauen, aber nicht im Dienst mit Weihe.‘“5
Diese Antwort des Papstes irritiert umso mehr, als dass die Kommission zum Frauendiakonat ja weiterhin an der Arbeit ist und sich diesbezüglich noch nicht geäussert hat.
Persönlich hoffe ich sehr, dass dieses Nein des Papstes doch nicht das letzte Wort gewesen ist.
Daniel Blättler, Protodiakon
- Bild: https://www.katholisch.de/artikel/53286-ostkirchenkundler-diakoninnenweihe-war-nur-eine-frage-der-zeit ↩︎
- https://www.pro-oriente.at/en/news/orthodoxe-kirche-diakoninnen-weihe-in-zimbabwe-sorgt-fuer-aufsehen ↩︎
- E. Theodorou, Die Tradition der orthodoxen Kirchen in Bezug auf die Frauenordination, in: E. Gössmann/D. Bader, Warum keine Ordination der Frau? Unterschiedliche Einstellungen in den christlichen Kirchen, Verlag Schnell & Steiner, München 1987, S. 26. ↩︎
- https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-04/papst-franziskus-neue-kommission-frauendiakonat.html ↩︎
- https://www.kath.ch/newsd/nein-des-papstes-zu-frauendiakonat-schlaegt-wellen/ ↩︎
Projekt: Equipes Notre-Dame in Syrien