oder Die bleibende Bedeutung von Nizäa
Vor einiger Zeit haben wir auf ein Gebetsprojekt (www.prayrup.info) hingewiesen, das u.a. «für ein einheitliches Osterdatum aller Christen, in der Erwartung der Einheit im Geiste» betet. Dieses gemeinsame Osterdatum steht immer wieder im Zentrum der modernen ökumenischen Bewegung. Denn indem sie dieses Fest aller Feste an den unterschiedlichen Tagen feiern, geben die Kirchen ein geteiltes Zeugnis von diesem grundlegenden Aspekt des apostolischen Glaubens und verlieren ihre Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit bei der Verkündigung des Evangeliums in der Welt. Das geht alle Christen an!
Tatsächlich ist diese Frage in einigen Teilen der Welt wie dem Nahen Osten, wo die getrennten christlichen Kirchen eine Minderheit in der Gesellschaft sind, drängend geworden. Obwohl es bereits verschiedene Diskussionen über diese Frage gegeben hat, hat sie noch nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie wirklich verdient.
1920 hat das Ökumenische Patriarchat diese Frage in einem Rundschreiben einer breiteren christlichen Welt vorgelegt. Die Panorthodoxe Konferenz von 1923 hat dann eine Verbesserung des Kalenders beschlossen, die leider zu einigen Spaltungen innerhalb der Orthodoxen Kirchen führte. Die Orthodoxie ist seit 1961 immer wieder auf die Frage des Osterdatums zurückgekommen. Die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils (1963) gab der Diskussion in der Römisch-katholischen Kirche neuen Auftrieb. Auch der Ökumenische Rat der Kirchen hat diese Frage seit 1965 bei verschiedenen Gelegenheiten thematisiert. In den letzten Jahren sind konkrete Schritte im Nahen Osten unternommen worden, wo Christen so vieler Traditionen nahe zusammen in einer grossen nicht-christlichen Gesellschaft leben. Ganz besonders der Rat der Kirchen im Nahen Osten hat zur Feier von Ostern an einem gemeinsamen Tag ermutigt.
Viel wertvolle Arbeit ist betreffend Taufe, Abendmahl und Amt geleistet worden. Jetzt müssen die Kirchen die Erneuerung der Verkündigung, die Wiederentdeckung der Bedeutung des Sonntags und die Suche im Hinblick auf eine gemeinsame Feier von Ostern traktandieren. Diese letztgenannte Frage ist besonders dringend, da eine Vereinbarung über ein gemeinsames Osterdatum – auch nur provisorisch – weitere ökumenische Entwicklungen ermöglicht.
Tod und Auferstehung Jesu Christi waren ge-mäss dem Neuen Testament mit dem jüdischen Passahfest verbunden. Ende des 2. Jahrhunderts n.Chr. feierten einige Kirchen Ostern am Tag des jüdischen Passahfestes, unabhängig vom Wochentag, während andere es am folgenden Sonntag feierten. Bis zum 4. Jahrhundert wurde die erstere Praxis praktisch allgemein aufgegeben, aber es gab weiterhin Unterschiede in der Berechnung des Datums von Ostern.
Das 325 in Nizäa versammelte Ökumenische Konzil bestimmte, dass Ostern am Sonntag gefeiert werden sollte, der dem ersten Frühlingsvollmond folgt. Bis zum 6. Jahrhundert setzte sich dann allgemein die Berechnungsmethode durch, die auf den Studien der Astronomen und Gelehrten von Alexandrien in Ägypten beruhte. Im 16. Jahrhundert jedoch führte die nun offensichtliche Diskrepanz zwischen dieser Berechnungsmethode und den beobachtbaren astronomischen Daten zur Kalenderreform Papst Gregors XIII. von 1582. Seit dieser Zeit berechnen die Kirchen des Westens das Osterdatum auf der Grundlage dieses neueren Gregorianischen Kalenders, während die Ostkirchen als Ganze weiterhin dem älteren Julianischen Kalender folgen. Unsere heutigen Unterschiede bezüglich der Berechnung des Osterdatums gehen also vor allem auf Unterschiede der Kalender und nicht auf grundlegende Unterschiede theologischer Art zurück. Aber eigentlich ist keiner der beiden Kalender wirklich perfekt. Beide Berechnungen weichen mehr oder weniger von den heutigen exakten astronomischen Messungen ab!
Die Entscheidungen des Konzils von Nizäa wurzeln in der Heiligen Schrift und in der Tradition und wurden für die ganze Kirche normativ. Sie sind auch heute noch von grosser ökumenischer Bedeutung. Denn trotz der Unterschiede der Berechnungsmethoden gründen die Grundregeln der Berechnung in den Kirchen des Ostens und des Westens auf diesen Normen. Die Entscheidungen des Konzils von Nizäa zeugen vom Wunsch nach Einheit. Denn Uneinigkeit in solch einer zentralen Angelegenheit ist ein Skandal. Das Ziel des Konzils war deshalb, auf der Grundlage der Heiligen Schrift Grundregeln festzulegen, die eine einheitliche jährliche Feier von Ostern durch alle Kirchen ermöglichen würden. Indem es die Einheit auf diese Art förderte, zeigte das Konzil auch sein Interesse für die Mission der Kirche in der Welt. Die Normen des Konzils von Nizäa bestätigen ferner den engen Zusammenhang zwischen dem biblischen Passahfest und der christlichen Feier von «Christus, unserem Osterlamm» (1 Kor 5,7). Die Normen von Nizäa weiten auch den Blick für den symbolischen Reichtum von Ostern. So werden wir z.B. daran erinnert, dass in der Auferstehung Jesu Christi die gesamte Schöpfung erneuert wird. Wichtig ist auch, dass das Konzil von Nizäa zur Berechnung des Osterfestes die Hilfe der exakten Wissenschaft in Anspruch nimmt.
Aus den bisherigen Überlegungen entstanden auf der Ökumenischen Konsultation vom 5. bis 10. März 1997 in Aleppo, Syrien, Vorschläge, um wieder zu diesem gemeinsamen Oster-datum zu gelangen:
(a) Die Normen des Konzils von Nizäa sollen beibehalten werden: Ostern wird am Sonntag gefeiert, der dem ersten Frühlingsvollmond folgt.
(b) Die astronomischen Daten (das Frühlingsequinoktium und der Vollmond) werden mit den genauesten möglichen wissenschaftlichen Mitteln errechnet.
(c) Als Grundlage für diese Berechnungen dient der Meridian von Jerusalem, dem Ort von Tod und Auferstehung Jesu Christi.
Die Kirche muss sich immer wieder an ihren Ursprung erinnern, besonders an die enge Beziehung zwischen dem biblischen Passahfest und der Passion und Auferstehung von Jesus Christus.
Ostern hat auch eine kosmische Dimension. Durch die Auferstehung Jesu Christi werden die Sonne, der Mond und alle Elemente in ihrer ursprünglichen Fähigkeit, Gottes Herrlichkeit zu feiern, wieder hergestellt. Die Grundregeln des Konzils von Nizäa für die Berechnung des Osterdatums gründen auf dem Sonnen- und dem Mondzyklus und lassen so die kosmische Dimension viel besser aufscheinen als ein fixes Kalenderdatum.
Ein bewegliches Datum für Ostern zeigt auch auf sehr konkrete Art und Weise, dass die Auferstehung die bequemen, gewohnten Abläufe dieser Welt aufbricht.
Die Einheit der Christen, die durch ein gemeinsames Osterdatum sichtbar wird, wäre für viele ein Zeichen der Hoffnung und des Zeugnisses in der Welt. Die Feier von Ostern am gleichen Datum sollte nicht die Ausnahme sondern die Regel sein!