Frieden – nichts wünschen wir uns mehr, als dass endlich Friede sei. In diesen Wochen und Monaten beten Millionen von Menschen um den Frieden in der Ukraine, um ein Ende des Krieges, ein Ende all des Leidens und Sterbens, ein Ende der Gewalt und des Schreckens. – Der Friede – so sehr herbeigesehnt und doch so zerbrechlich – ist das grosse Thema in der Heiligen Schrift wie auch in der Liturgie.
Die Göttliche Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos, wie auch jene des Hl. Basilios, beginnt nach dem Eingangssegen mit der grossen Friedenslitanei:
„In Frieden lasst uns beten zum Herrn!“
Es mag überraschen, dass diese Litanei nicht mit einer eigentlichen Bitte an Gott eröffnet wird, sondern mit einer Aufforderung an uns, die Betenden: Tretet mit einem friedvollen Herz vor Gott; bringt eure Bitten ohne Groll, ohne Gedanken des Zornes, des Hasses oder der Vergeltung vor den Herrn. Nur ein Herz, das sich ständig um diesen inneren Frieden bemüht, mag dann inständig um den Frieden bitten:
„Um den himmlischen Frieden und das Heil unserer Seelen lasst uns beten zum Herrn.“
„Um den Frieden der ganzen Welt, um das Wohl der heiligen Kirchen Gottes und um die Einheit aller lasst uns beten zum Herrn.“1
Diese Bitte um den Frieden, vorgetragen durch den Diakon, wie auch der Zuspruch des Friedens durch den Priester: „Friede euch allen!“ wiederholt sich immer wieder. Es kann nie genug um diesen Frieden gebetet und es kann uns nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden, dass Gott uns den Frieden in Jesus und durch ihn zugesprochen und verheissen hat.
Und doch ist die alltägliche Erfahrung oft eine andere: Der innere Friede mit sich selbst, mit Gott und dem/der Nächsten ist so zerbrechlich; ein unbedachtes Wort genügt und der Friede ist dahin. Nicht anders im Grossen, draussen in der Welt, im Zusammenleben der Menschen verschiedener Religionen und Kulturen und in den Beziehungen der Staaten untereinander. Da kommt – gerade auch für gläubige Christen – immer wieder mal die Frage auf, wo denn nun dieser versprochene Friede sei, begleitet vom Zweifel daran, dass es so etwas wie „Frieden“ überhaupt je geben kann und geben wird.
Frage und Zweifel sind berechtigt; der Blick in die eigene Seele und erst recht der Blick in die Welt macht es uns nicht leicht, hoffnungsvoll zu bleiben und an der Möglichkeit des Friedens festzuhalten. Da mag es hilfreich sein, einen Blick in die Heilige Schrift, sowohl ins erste wie auch ins zweite, neue Testament zu werfen. Unzählige Male ist hier vom Frieden die Rede, aber nicht blauäugig oder naiv, sondern ganz nüchtern und klar: Friede ist nicht einfach, Friede wird. Friede ist ein Prozess, spürbar und sichtbar da, wo der Mensch sein Herz für Gott öffnet und so den Frieden zunächst bei sich selber einlässt. Friede wächst, nicht zuallererst durch Worte, sondern vielmehr durch eine Haltung der Friedfertigkeit. Was das konkret bedeutet, hat Jesus unüberbietbar in seiner Bergpredigt festgehalten:
„Selig, die keine Gewalt anwenden,
denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.
Selig, die Barmherzigen,
denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben,
denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften,
denn sie werden Söhne (und Töchter) Gottes genannt werden…“ Mt 5,5-9
Kein einfacher Weg zum Frieden, wie die Welt ihn sich wünscht. Aber von einem Frieden, der einfach zu haben und mühelos zu finden wäre, hat Jesus nie gesprochen. Vielmehr kann er in seiner Abschiedsrede den Jüngern klaren Wein einschenken:
„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“ Joh 14,27
Offenbar gibt es einen Frieden, wie die Welt sich ihn wünscht, und dann gibt es da einen Frieden, den Jesus im Blick hat, wohl wissend, dass dieser Frieden vom einzelnen Menschen viel, sehr viel abverlangt:
„Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin…Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne (und Töchter) eures Vaters im Himmel werdet…“ Mt 5,39.44-45
Es sind Worte, die einem angesichts des Leidens und Sterbens in der Ukraine und an vielen anderen Orten auf der Welt im Halse stecken bleiben. Es sind Worte, die so ganz und gar nicht politisch korrekt sind und selbst von überzeugten Pazifisten auch innerhalb der Kirchen kaum mehr in den Mund genommen werden. Verständlich, denn welch ein Hohn wäre es, den Opfern von Gewalt und Terror, die verzweifelt um ihr Leben kämpfen, das Wort von der Feindesliebe vorzuhalten.

Der zweifelnde Apostel Thomas erkennt den Herrn an seinen Wundmalen Joh 20.19-31
Quelle: https://www.orthodoxe-ikone.de
Also bleibt es doch dabei, dass der Friede in dieser Welt nur nach weltlichen Massstäben zu haben ist, also um den Preis einer stetig wachsenden Aufrüstung, um ein labiles und jederzeit gefährdetes Gleichgewicht des Schreckens aufrecht zu erhalten? Das könnte man so sehen, wenn die Definition von „Frieden“ sich darin erschöpfen würde, die Abwesenheit von Krieg zu konstatieren. Was aber ist dann mit dem Frieden, der Jesus den Jüngern und uns zuspricht, jener Frieden, den uns die Welt nicht zu geben vermag? Vielleicht ist es hier mit dem Frieden ähnlich wie mit der Gesundheit. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO wird Gesundheit so definiert:
„Gesundheit ist ein dynamischer Zustand ganzheitlichen physischen, mentalen, spirituellen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“
In Anlehnung an diese Definition könnte man wohl zurecht das gleiche vom Frieden sagen; Frieden ist mehr als Abwesenheit von Krieg und Gewalt: Friede – im Sinne Jesu – ist zutiefst ganzheitlich und für das Wohl und Heil des Menschen eine unabdingbar notwendige Voraussetzung, denn nur in einem Umfeld des inneren und äusseren Friedens ist ein Leben in physischem, mentalem, spirituellem und sozialem Wohlbefinden möglich.
Zugegeben, die Spannung zwischen dem Frieden, wie die Welt ihn gibt und dem Frieden, den Jesus verheisst, ist kaum aufzulösen. Realität und Ideal sind wie so oft auch in Fragen des Friedens schwer in Einklang zu bringen. Sich damit einfach abzufinden, wäre aber aus christlicher Sicht doch zu wenig. Die Zusage Jesu gilt: „Meinen Frieden gebe ich euch…“, aber auch der Stachel bleibt spürbar, dass es ist ein Friede ist, „…nicht wie die Welt ihn gibt…“. Darum bleiben wir unaufhörlich im Gebet und mühen uns, in der Liturgie im Frieden und um den Frieden zu bitten: „Wieder und wieder lasst uns in Frieden beten zum Herrn“, während der Priester während der zweiten Antiphon auch in unserem Namen leise betet:
„Herr, unser Gott, Du hast uns diese gemeinsamen und einmütigen Gebete geschenkt. Du hast uns auch versprochen, wo zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind, dass Du sie erhören willst. So erfülle denn jetzt auch die Bitten Deiner Diener zu ihrem Heile: Gib uns in dieser Welt die Erkenntnis Deiner Wahrheit und in der zukünftigen das ewige Leben…“
Daniel Blättler, Protodiakon
- Gemäss dem liturgischen Buch zur Chrysostomos-Liturgie, herausgegeben von der Patriarchalen Liturgiekommission der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, München – Eichstätt – Paderborn, 2013 ↩︎