Ist Frieden eine Utopie? Ein Plädoyer für das Gebet des Friedens

Weltweit haben Konflikte und Auseinandersetzungen zugenommen. Meistens geht es um Einfluss der jeweiligen Weltanschauung, um wirtschaftliche Faktoren und deren Ausbau, deren Ziel die Weltherrschaft ist. Das nennen wir Geopolitik. Über Krieg und Frieden entscheiden oft wenige. Hilflos und gelähmt müssen wir zusehen, wie die Mächtigen und Einflussreichen die Welt in Brand halten. Jemand hat geschrieben: «Wir können das doch nicht geschehen lassen. Wir müssen doch aufschreien. Die Zündschnüre sollten heruntergerissen, die Streichhölzer versteckt und die Brandstifter verjagt werden. Aber wie?»

Wir akzeptieren das Töten, wir dulden Tyrannen, den Unterdrückten stehen wir oft mit leeren Worten bei. Die kriegerischen Auseinandersetzungen sind wir schon gewohnt. So auch der Krieg, der seit zwei Jahren in der Ukraine tobt, wo Tausende Menschen ihr Leben verloren haben. Die anhaltenden Kämpfe zerstören den Lebensraum der Menschen und hinterlassen in Ihren Seelen tiefe Wunden.

Auch der Konflikt zwischen Israel und Palästina schein unlösbar zu sein. Die gegenseitigen Beschuldigungen verstärken noch die Situation.

«Der Vatikan ist besorgt, dass der Ukraine-Krieg sich ausweiten und noch mehr Tod und Zerstörung bringen könnte. Das Risiko einer atomaren Eskalation sei vorhanden.» Deshalb dringe der Papst auf eine Verhandlungslösung. Friede kann nur durch beide Kriegsparteien geschaffen werden.

Zwischen Gut und Böse

Einfluss und Macht in einer Zeit von Fortschritt in der Wissenschaft und Technik; auch sie können zu Zerstörung und Tod beitragen. Wir bewegen uns also zwischen Gut und Böse. Das erzählt uns schon die biblische Geschichte: als Adam und Eva den Apfel vom Baume der Erkenntnis assen, wussten sie, was Gut und Böse ist. Wissen wir es heute noch? Woher kommt die dunkle Kraft, die uns veranlasst, Dinge zu tun, die uns und anderen Schaden zufügen? Daher ist die Frage erlaubt, ja erforderlich, ob es eigentlich das Böse gibt, den Teufel, den Satan? Abtprimas Notker Wolf beschreibt es folgendermassen: «Das Begehren des menschlichen Herzens ist böse von Kindheit an». (1. Mose 8,21) Gemeint ist, wir sind alle anfällig für das Böse, in jedem Alter.

Für Notker Wolf gibt es aber zwei unterschiedliche Kräfte am Werk: «Eine, die fragt, wie ein Verführer vorgeht, heimlich und heimtückisch. Und eine andere, die uns nicht verführen, sondern überzeugen und durch Liebe gewinnen will. Wenn wir die Macht des Guten Gottes nennen, warum sollen wir die Macht des Bösen dann nicht Teufel nennen?» Aber der Teufel wurde doch abgeschafft!? Wie kann man also vom Teufel reden!?

Notker Wolf sagt dazu: «Natürlich ist der Teufel nicht an seinen Hörnern und an seinen Pferdefuss zu erkennen. Aber immer, wenn Menschen Macht über andere Menschen gewinnen wollen, um sie zu unterwerfen, auszubeuten oder zu erniedrigen, können wir sicher sein: jetzt ist nicht mehr die Kraft Gottes am Werk, sondern der Teufel.»

Das Böse existiert, warum schweigt Gott?

Das Böse, das in der Welt geschieht, erleben wir heute viel bewusster, weil es direkt über die Medien an uns gelangt. Wir sehen es mit eigenen Augen. Viele Menschen können das nicht mit dem «lieben Gott» in Einklang bringen. Wenn er ein gerechter und allmächtiger Gott ist, warum greift er nicht ein?

Macht diese Erfahrung es den Menschen nicht schwer, an die biblische Offenbarung von einer guten Weltschöpfung durch Gott zu glauben?

Für die Christenheit kommt der Glaube an eine Welt, die Gott erschaffen hat, aus der Offenbarung der Heiligen Schrift. Sie vermittelt uns ein Stück weit die Sichtweise Gottes, wie Gott selbst die Welt sieht. Die Welt ist ein Ganzes mit eigenen Kräften und Gesetzen. Wie auch jeder Mensch und die verschiedenen Gemeinschaften, in die jeder einzelne Mensch als «Mosaiksteinchen» eingefügt ist, unterliegen sie ihren bestimmenden Lebensbedingungen, in die Gott normalerweise nicht eingreift. So gesehen schafft diese Tatsache eine Distanz zwischen Gott und der Welt.

Paulus schreibt dazu: «Denn die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Gewiss, die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin. Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.» (Röm. 8,19-22)

Auch im Gebet des Herrn, dem «Vater unser», ist die Hauptbitte: «Dein Reich komme!» Das heisst: Jetzt ist das Reich Gottes noch nicht ganz da. Deshalb bitten wir im Vaterunser eindringlich, dass der Einfluss Gottes die Welt immer mehr erfasst und bis in den letzten verborgenen Winkel ganz durchdringt. Dafür bitten wir in Bezug auf uns persönlich, aber auch auf die ganze Welt. Möge Gott immer mehr bestimmend werden.

Gott hat den Menschen eine wichtige Verantwortung bei der Überwindung des Bösen in der Welt zugewiesen. Wir Menschen müssen und können dazu beitragen, dass die Welt dem Willen Gottes entspricht oder sich von ihm entfernt und abwendet. Das Böse und das Leid, das in der Welt geschieht, ist oft das Werk von Menschen. Dafür darf man nicht Gott verantwortlich machen. Gott gibt den Menschen einen Handlungsspielraum (Freiheit), in den er nicht eingreift. Das Böse also wie das Gute verlangt von uns, dass wir uns darauf einstellen. Erst durch unsere Antwort wird das Gute eben gut und das Böse eben böse. Mit anderen Worten können wir auch sagen: wir entscheiden zwischen Segen oder Fluch.

Archimandrit Roger Schmidlin


Literatur:

  • Osservatore Romano 54/20 2024
  • Bibel Einheitsübersetzung 2016
  • Notker Wolf «Aus heiterem Himmel»
  • Wolfgang Bittner, Zeitgeist «Die Heimat, der Krieg und der goldene Westen»
  • «Der neue West-Ost-Konflikt»

Ikonenfotos: Dr. Jean Paul Deschler

  1. Vertreibung aus dem Paradies Gen 3,14ff. (Melake Genet Berthe Gebrekidan; Kathedrale St. Antonius, Emdibir, Äthiopien)
  2. senkrechter Streifen dreiteilig: Kirche Abreha wä Atsbeha: Versuchung Gen 3,1-6 (Adam und Eva noch im «Gewand der Herrlichkeit», die Erkenntnis der Nacktheit Gen 3,7, mit Schürzen, Trauer im Gesicht

Projekt: Bibelkurse für Familien in Ägypten