1. Das Thema Kolyva gehört zum orthodoxen Brauchtum. Kolyva bezeichnet eine besondere Speise, die man zum Gedenken an Verstorbene isst. Zubereitet wird sie von den Angehörigen und im Anschluss an eine Totengedenkfeier (gr. Parastasis, sl. Pannychida)[1], manchenorts auch nach dem Begräbnis[2], an die Anwesenden ausgeteilt.

Kolyva (Mitte), Brötchen mit Kreuz (links), Brotkranz und Wein (rechts).
2. Eine Kolyva besteht immer aus Weizenkörnern, dem Sinnbild für Fruchtbarkeit und dem Grundbestandteil des Hauptnahrungsmittels der Menschen: nämlich Brot. Die Ursprünge einer Darbringung von Getreide reichen in die Antike, wo man zum Zeichen der Dankbarkeit der Erdenmutter, die auch als Fruchtbarkeitsgöttin verehrt wurde, Gaia oder meist Demeter, die Erträge der Erde in Form von Getreide und Früchten, besonders Granatäpfeln, dargebracht hat. Diese waren auch Ausdruck des jährlichen Kreislaufes der Natur.[3] Diese Speisen aus „Getreidesamen, die wie die Toten in der Erde liegen“, waren „zugleich als Sühnopfer für die Unterwelt, Nahrung für die Toten“.[4]
3. Die Kolyva ist vor allem Brauchtum in der griechischen Orthodoxie, in Mazedonien und Südrumänien.[5] Auch hier ist zu sagen, dass besondere Formen des Totengedächtnisses bis in die Antike zurückreichen.[6] Dem schloss sich die Tradition des ersten christlichen Jahrhunderts an, bei Totengedenkfeiern Almosen an die Armen zu verteilen – in der Hoffnung, dass dadurch die Seele des Verstorbenen Frieden finden möge. Mit der Zeit wurde das Geld durch Früchte ersetzt.
Die orthodoxe Tradition kennt noch eine weitere Quelle, die auf den heiligen Theodor von Tiron[7] zurückgeht. Dieser Märtyrer des 4. Jh.s gebot im Jahr 361 Patriarch Eudoxios von Konstantinopel in einer Vision, den unter Kaiser Julian verfolgten Christen eine Kolyva aus gekochten Weizenkörnern herzustellen, um so dem Hungertod zu entgehen. Seit jener Zeit wird alljährlich am ersten Samstag der Grossen Fastenzeit vor Ostern dieses Wunders gedacht.[8] Die Kolyva wird seither zu Ehren von Heiligen und an Gedenktagen für Verstorbene zubereitet, denn die Weizenkörner symbolisieren „die Verheissung der Auferstehung“ und die Früchte „die Genüsse des Paradieses“[9].
4. Heute hat die Kolyva in ihrer Zusammensetzung[10] vor allem geistige Bedeutung erhalten:
Die Weizenkörner erinnern an das Jesuswort: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“.[11] Damit wird ein Hinweis auf die Auferstehung von den Toten gemacht, wovon auch das kleinste Korn Zeugnis ablegt, wie etwa der Sesam. Die Nüsse, Mandeln, Rosinen und Weinbeeren bezeichnen die Früchte des Lebens, das zu seiner Reife gekommen ist. Die roten Granatapfelkerne sind zugleich Symbol für Liebe und für Tod, wobei beide Charakteristika ureigenste Beziehung zu Christus haben. Honig oder Zucker stehen für die süssen Stunden und die Schönheit des Lebens. Die Petersilie allerdings erinnert daran, dass jedes Leben auch durch Bitternis gekennzeichnet ist.
Die Dekoration in Kreuzform – meistens aus Granatapfelkernen oder Mandeln – bezeugt, dass jeder Christ und jede Christin durch die Taufe darauf hoffen darf, mit Jesus Christus „auch in seiner Auferstehung vereinigt zu sein“ und am Ende der Zeiten „auch mit ihm zu leben“.[12]

Der Priester, hier Pfr. Dan Moldovan von der rumänisch-orthodoxen Gemeinde in Luzern, segnet Kolyva und Gaben. Chor (rechts).
5. Kolyva und allfällige andere Gaben wie Brot und Wein – in Anlehnung an die eucharistischen Gaben – werden auf einem Tisch, normalerweise vor der Ikonostase, mit brennenden Kerzen hergerichtet. Am Ende der Liturgie, vor der Entlassung, segnet der Priester die Gaben, indem er folgendes Gebet spricht:
„Du selbst, oh Herr, segne diese Körner, die geschmückt sind mit verschiedenen Früchten, und die sie geniessen werden. Segne sie zu Deiner Ehre (und zur Ehre Deines Heiligen N.N.) und gedenke derer, die diese Gaben hergestellt haben, und zum Gedächtnis der in Frömmigkeit und im Glauben Dahingeschiedenen.“[13]

Angehörige verteilen die Gaben an die Anwesenden.
Anschliessend verteilen die Angehörigen die Kolyva an die Anwesenden, die beim Genuss derselben der Verstorbenen gedenken und sie mit guten Gedanken begleiten. Davon zu essen bedeutet ausserdem, „den Toten nichts nachzutragen“[14]. Auch Fremden, die am Gottesdienst teilnehmen, wird Kolyva ausgeteilt. Durch den gemeinsamen Verzehr der Kolyva und das gemeinsame Gedenken entsteht unter den Anwesenden eine geistige Gemeinschaft, welche in der orthodoxen Kirche einen wichtigen Platz einnimmt.
Maria Brun, Dr. theol.
[1] Mit Kolyva wird auch eine Litia, d.h. eine gekürzte Form der Parastasis oder Pannychida, bezeichnet. – Vgl. in: Mysterium der Anbetung (hg. von Sergius Heitz), Bd. I. – Köln 1986, 455ff.
[2] Wird eine Kolyva auf dem Friedhof verteilt, werden auch einige Körner ins Grab gestreut, bevor sie von den Anwesenden gegessen wird.
[3] Mavromataki Maria, Mythologie und Kulte Griechenlands. – Athen 1997, 69ff.
[4] Spitzing Günter, Lexikon byzantinisch-christlicher Symbole. – München 1989, 302.
[5] In ähnlicher Form auch bei orthodoxen Balkanslawen und Russen zu finden.
[6] Am letzten Festtag der Grossen Dionysien (März-April), der den Toten gewidmet war, brachte man Dionysos und Hermes Getreidekörner dar. (Vgl. Mavromataki, id. 108.)
[7] Gedenktag am 17. Februar bzw. am 1. Samstag der Fastenzeit, vor dem „Sonntag der Orthodoxie“.
[8] Le Synaxaire. Vies des Saints de l’Eglise orthodoxe, t. 3. – Thessalonique 1990, 155-158.
[9] Id. 158, Anm. 3.
[10] Vgl. Auch Hertig Noam (Hg.), Was isSt Religion? – Zürich 2012, 72-75.
[11] Joh 12,24
[12] Röm 6,3-8
[13] Mikron Euchologion. – Athen 2012, 354f.
[14] Spitzing G., id. 302.