Marienfeste sind Ausdruck einer Frömmigkeit, die bis in die Frühzeit der Kirche zurückgeht. In Ost und West haben sich dabei vielfältige Entwicklungen und Formen herausgebildet. Maria wird durch Lieder und Hymnen am längsten in der Ostkirche verehrt. Sie wird gepriesen als der Mensch, der für Gott ganz offen, der vollkommen ist und die Fülle des «Christlichen» in sich vereinigt. Die Ansätze der Marienverehrung reichen bis ins neue Testament zurück und haben somit biblische Wurzeln. Etwa im Preislied Mariens dem «Magnifikat»: «Meine Seele preist die Grösse des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Grosses an mir getan, und sein Name ist heilig…» (Lk 1,46-55) Der Evangelist Lukas hätte das «Magnifikat» sicher nicht in sein Evangelium aufgenommen, wenn er selbst und die Kirche zu seiner Zeit eine Marienverehrung abgelehnt hätte.
Eine andere biblische Quelle ist das Johannesevangelium in der Leidensgeschichte Jesu. «Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich…» (Joh 19,26f)
Im 5. Jahrhundert bildeten sich in der Ostkirche bereits einzelne Feste heraus, die sich auf Ereignisse des Lebens Marias beziehen, die später auch in der Westkirche übernommen wurden: Verkündigung, Heimgang, Geburt, Begegnung des Herrn. Das Konzil von Ephesus benennt Maria mit dem Titel «Gottesgebärerin» / «Gottesmutter», damit wird auch ausgesagt, dass sie nicht nur den Menschen Jesus geboren hat, sondern dass dieser Mensch von Anfang an Gottes Sohn war.
Die Marienfeste verteilen sich in Ost und West auf das ganze liturgische Jahr. Beispielsweise in der Westkirche heisst der Oktober «Rosenkranz-Monat». Das meditative Gebet soll am 7. Oktober 1571 als Gebetssturm die Schlacht bei Lepanto entschieden haben.
Schutzmantel-Madonna
In der Antike gab es den Brauch der Mantelkindschaft. Das bedeutet, kinderlose Eltern konnten uneheliche Kinder adoptieren, die Herrin oder Mutter hat sie unter ihren Mantel genommen (Schutzverhältnis). Bald wurden diese Gnadenakte in ihrer geistlichen Deutung auf die Gottesgebärerin übertragen.

So findet diese Mantelsymbolik im 2. Jahrhundert Eingang in den Gebetsschatz der Christen:
«Unter deinem Schutz und Schirm flehen wir, o heilige Gottesgebärerin; verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern erlöse uns jederzeit auf allen Gefahren…».
Schon sehr früh wird die Gottesgebärerin als Hilfe und Beschützerin der Christen verehrt und angerufen.
Fest Mariä Schutz und Fürbitte (Pokrov) 1. Oktober
Troparion
«Heute begehen wir Rechtgläubigen ein grosses Fest und stellen uns unter deine Obhut, o Gottesmutter, wir schauen dein heilig Bild und sprechen: Nimm uns unter deinen Schutz und Schirm, befreie uns von allem Uebel und bitte Christus, deinen Sohn, unseren Gott, uns zu erretten.»

Anlass für dieses Fest war ein Ereignis, das sich im X. Jahrhundert in der Blachernenkirche von Konstantinopel zugetragen hat:
«Der heilige Andreas (gest. 936) und sein Diener Epiphanias kamen zur Feier der Nachtwache in die Blachernenkirche. Sie sahen die erhabene Frau mit einem grossen Gefolge von Engeln und Heiligen aus den königlichen Türen treten und es erklangen geistliche Lieder. Sie näherte sich dem Amv(b)on, kniete nieder und betete lange Zeit mit Tränen in den Augen. Dann trat sie zum Altar und betete auch hier für die anwesende Gemeinde. Darauf nahm sie ein Tuch, das wie der Blitz strahlte, von ihrem Haupt, hielt es mit ihren Händen und breitete es über das betende Volk aus. Dieser wunderbare Anblick – die Gottesmutter, die ihr Maphorion als Schutztuch (slaw.=pokrov) über dem Volk ausbreitet – wurde längere Zeit von den beiden Männern gesehen.»
Bei den Griechen ist dieses Fest im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten, in jüngster Zeit allerdings wieder in den liturgischen Kalender aufgenommen worden.
In der Rus und in Russland führte Fürst Andrei Bogoljubskiy dieses Fest ein und förderte damit die Verehrung der Pokrov-Ikone.
Im Westen wurde der Aspekt der Schutzmantelmadonna vor allem durch die Zisterzienser im 12. und 13. Jahrhundert verbreitet. In der westlichen Ikonographie tauchte die Schutzmantelmadonna erstmals im 13. Jahrhundert in Italien auf, von da ausgehend verbreitet sich dieses Bild rasch ins ganze Abendland. In der Westkirche wird das Fest Mariä Schutz am 8. November gefeiert.
Die Marienverehrung trägt also in Ost und West viele grundlegende gemeinsame Züge. Das heisst aber nicht, dass es keine Unterschiede gibt; diese jedoch können einander jeweils bereichern.

Viele dieser Feste der Gottesmutter sprechen auch die emotionale Seite des Menschen an und sind mit unterschiedlichen Frömmigkeitsbräuchen verbunden und stark regional geprägt. So tragen sie dazu bei, den Gläubigen Beheimatung in ihren Kirchen zu schenken.
Archimandrit Roger Schmidlin
Literatur
- Bibel Einheitsübersetzung 2016
- Philomena Musebrink, Der Christliche Osten, Würzburg 1994 «Gottesmutterikonen betrachten»
- Gebetsbuch des byzantinischen Ritus, Eichstätt 2020 «Gepriesen bist Du, Herr»
- Alexander Schmemann, Johannes 2011 «Die Mutter Gottes»