Niklaus von Flüe:

Der Wüstenvater am Bergbach[1]

Was hat der Einsiedler, Friedensstifter und Landespatron der Schweiz, Niklaus von Flüe, dessen Hochfest wir jeweils am 25. September feiern, in einem Informationsblatt des Schweizerischen Ostkirchenwerkes zu suchen?

Gewiss, manch einer erwartet an dieser Stelle und zu dieser Jahreszeit viel eher einige Zeilen über den Hl. Bischof Nikolaus (4. Jh.) aus dem kleinasiatischen Myra, einen der beliebtesten Heiligen Russ-lands, der ja auch uns seit Generationen als gütiger, aber auch strenger «Samichlaus» ans Herz gewachsen ist. – Über diesen Nikolaus von Myra könnte man vieles schreiben; man könnte ihn gewisser-massen als Brücke zwischen orthodoxem Osten und katholischem Westen hervorheben und zu würdigen versuchen. Man könnte sich mit den vielen bildreichen Legenden befassen, die sich um die Lebensgeschichte des Heiligen ranken und teilweise gar in unser Brauchtum Eingang gefunden haben. Dieser Nikolaus ist eine würdige Gestalt, ein wahrhaft Heiliger für das Volk…

Was aber fangen wir mit diesem anderen Nikolaus an, dem Niklaus von Flüe (1417-1487), jenem mittelalterlichen Bauern, Politiker und Familienvater aus Obwalden, der sich mit 50 Jahren in die Einsamkeit zurückzieht und während fast 20 Jahren keinerlei Nahrung mehr bedarf, ausser der Heiligen Kommunion? Eine ausführliche Antwort darauf gibt der ehemalige Generalsekretär der Catholica Unio Internationalis und unser ehemaliges und langjähriges Vorstandsmitglied der Catholica Unio Schweiz, Dr. Iso Baumer, Fribourg, in seinem äusserst lesenswerten Büchlein: «Niklaus von Flüe: Der Wüstenvater am Bergbach».[2] Eindrücklich beleuchtet Iso Baumer den

Lebensweg…

des angesehenen Ratsherrn, Richters, Soldaten und Bauern, der mit 30 Jahren seine Frau Dorothee Wyss heiratet, die ihm 10 Kinder, 5 Mädchen und 5 Buben, schenkt. Gemeinsam bewirtschaften sie das grosse «Heimet» auf dem Flüeli, hoch über dem Sarnersee.

Gemeinsam stehen sie auch jene schwierigen Jahre durch, in denen Niklaus von Flüe in eine tiefe Lebens- und Sinnkrise gerät. Von Kindheit an ein zutiefst gottverbundener Mensch, der sich gerne und oft zum Gebet zurückzieht und bisweilen gar Visionen hat, er ist er nun auf der existentiell wichtigen Suchen nach dem «einig Wesen», das seine innerste Sehnsucht stillt und ihn von jener quälenden Unruhe befreit, die ihn oft nicht essen und nicht schlafen lässt. Niklaus braucht Hilfe in seiner grossen seelischen Not, die ihm so vorkommt, als ob Gott ihn im Innersten mit einer reinigenden Feile bearbeiten würde. Es ist eine schlimme Zeit für Niklaus, in der ihm – wie er selber sagt – zeitweilig sogar Frau und Kinder lästig sind. Im befreundeten Priester Heimo Amgrund, Pfarrer in Kriens bei Luzern, findet er ein offenes Ohr und guten Rat. Dieser empfiehlt Niklaus, täglich das Leiden Christi betend zu betrachten. Daraus schöpft er Kraft und findet langsam, aber immer drängender seinen persönlichen Weg, den er gehen muss: den Weg in die Einsamkeit.

Am St. Gallus-Tag, 16. Oktober, des Jahres 1467 ist es soweit: Mit dem Einverständnis seiner Ehefrau verlässt Niklaus von Flüe Familie und Hof, um als Pilger ins Ausland zu ziehen und sich vielleicht irgendwo als Waldbruder in der Einsamkeit niederzulassen. Es sollte eigentlich ein Abschied für immer sein. Doch auf abenteuerliche Weise wird Bruder Klaus, wie er sich nun nennt, wieder in seine Heimat zurückgeführt. In unmittelbarer Nähe seiner Familie und seines Wohnhauses auf dem Flüeli, findet Bruder Klaus schliesslich seinen Platz: unten im Ranft, in einem unwirtlichen Tobel nur wenige Steinwürfe von seinem «Heimet» entfernt, lässt er sich nieder. Am Ufer des wilden Bergbaches, der Melchaa, wird ihm von verständigen Bauern der Umgebung schon bald eine einfache Klause mit angebauter Kapelle errichtet. Hier wird nun Bruder Klaus seine nächsten 20 Jahre als Eremit und Mystiker, als Ratgeber und Friedensstifter, als weit über die Landesgrenze hinaus bekannter und geachteter Einsiedler leben und wirken. Hier nun hat der Wüstenvater am Bergbach seinen Platz gefunden, hier kann er sich ganz dem «einig Wesen» hingeben, hier wird er auch am 21. März 1487 im Ruf der Heiligkeit sterben.[3]

Wüstenvater am Bergbach?

Was sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheint, stellt sich beim näheren Hinsehen als äusserst passende Bezeichnung für Bruder Klaus heraus. Sein Leben und Wirken erinnert in der Tat an die berühmten Wüstenväter der ersten Jahrhunderte. So schreibt etwa ein gewisser Abt Johann Trithemius 1486 über Bruder Klaus: «Er ist ein Mann von scharfem Verstand, der, trotzdem er des Lesens und Schreibens völlig unkundig, wie ein zweiter Antonius, der Einsiedler, aufs beste den Sinn der Heiligen Schrift erfasst.»[4] Ein anderer Zeitzeuge, Heinrich Gundelfingen, meint sogar, in Bruder Klaus einen Erneuerer des Anachoretentums zu sehen. Er schreibt über den Obwaldner: «Er hat seinen Geist auf nichts anderes mehr hingelenkt als auf die Wiederherstellung des Eremitenstandes, der, von Antonius und Paulus eingeführt, aber seither gänzlich unterdrückt worden war… Er legte das Gelübde ab, wenn seine Gattin zustimme, ein Einsiedlerleben zu führen und in einem einfachen… Gewande…Gott zu dienen. Daher ist unser Einsiedler, nach unserer Ansicht nicht ohne Berechtigung, jenen Vätern der Wüste Ägyptens ob seiner unerhörten Abstinenz an die Seite gestellt worden.»[5]

Diese zunächst mehr äusserlich anmutenden Ähnlichkeiten zwischen dem Eremiten im Ranft und den grossen Gestalten des Anachoretentums der frühen Zeit der Kirche, weisen doch auf eine viel tiefere und grundsätzlichere Verwandtschaft des mittelalterlichen Obwaldners mit seinen tausend Jahre älteren Wüstenvätern hin. Bruder Klaus suchte in der Einsamkeit die immer grössere und innigere Nähe zum «einig Wesen», zu Gott, dessen Ruf er in die «Wüste am Bergbach» gefolgt war. Dieser Weg nach innen, hinaus aus der Welt, führte Bruder Klaus aber ebenso auch nach aussen, hinein in die Welt. Für unzählige Menschen wurde er zum Berater in Lebens- und Glaubensentscheidungen, zum Lehrer und geistlichen Begleiter – oder wie es im Osten heisst: zum Starez, zum geistlichen Vater und Begleiter.

Obwohl im Rufe der Heiligkeit gestorben brauchte es noch Jahrhunderte, ehe Bruder Klaus 1947 durch Papst Pius XII heilig gesprochen und damit zu Ehren der Altäre erhoben wurde. Als Heiliger, wenn auch «nur» der römisch-katholischen Kirche, und als «Wüstenvater am Bergbach», wie als «Starez» für so viele suchende Menschen damals wie heute ist Bruder Klaus ein beeindruckendes Bindeglied über die konfessionellen Grenzen hinweg. So schreibt Kardinal Schönborn in seinem Vorwort zu Iso Baumers Buch: «Heilige trennen nicht. Weil sie mit Christus verbunden sind, verbinden sie die Menschen untereinander, besonders die getrennten Christen. Die Heiligen sprechen durch ihr Leben eine Sprache, die alle Christen verstehen können, und selbst Nichtchristen ist sie nicht fremd…. Heilige übersteigen die Grenzen der Kulturen und Völker…» und im Blick auf Bruder Klaus: «Gibt es nicht – noch viel zu wenig ausgeschöpft – eine Ökumene der Heiligen? Sollte das ökumenische Gespräch nicht verstärkt darauf aus sein, dass die getrennten Christen sich gegenseitig wieder erkennen im Spiegel ihrer grossen Heiligen?»[6] Iso Baumer hat mit seinem Büchlein hierzu einen grossen Schritt getan.


[1] Iso Baumer, Nikolaus von Flüe: Der Wüstenvater am Berg-
  bach. Verlag Fluhegg Basel, 20053

[2] Siehe Anmerkung 1: Das Büchlein ist mit einem Vorwort von
  Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien, bereits in
  dritter Auflage erschienen.

[3] Vgl. zur äusseren und inneren Biographie des Niklaus von
  Flüe das empfehlenswerte Buch:

  Roland Gröbli, Die Sehnsucht nach dem „einig Wesen“. Leben
  und Lehre des Niklaus von Flüe, NZN Buchverlag Zürich,
  19953

[4] Zitiert nach R. Gröbli, S. 266; vgl. I. Baumer, S. 14

[5] Zitiert nach R. Gröbli, S. 266; vgl. I. Baumer, S. 14

[6] I. Baumer, S. 7-8