Ökumene und Integration

In der Schweiz – und auch in anderen Ländern Europas – wird in letzter Zeit immer wieder betont, wie wichtig es sei, die ausländischen Mitbürger besser in unsere Gesellschaft zu integrieren. Dabei wird oft an Mitbürger mit anderer Religion (z.B. Muslime) und Herkunftskultur (z.B. Afrikaner) gedacht. Etwas vergessen geht dabei die seit einigen Jahren durch innerchristliche Ökumene verstärkte Integration von orthodoxen, also christlichen Mitbürgern.

Die Orthodoxen vereinen sich

Ein wichtiges Zeichen setzt dabei die seit 2003 stattfindende „Gemeinsame orthodoxe Vesper zum Fest der Stadtheiligen Felix, Regula und Exuperantius“ mit Prozession durch die Stadt Zürich jeweils am 11. September.

„Freue dich Stadt Zürich!
In dir sind aufgestrahlt die Gottesstreiter
Felix, Regula und Exuperantius.
Mutig widerstanden sie dem gotteslästerlichen Tyrannen, opferten den Götzen nicht, brachten stattdessen Christus, dem Haupt der Kirche,
ihre Häupter als heiliges Opfer dar.
In unserer Stadt errichteten sie so mit ihren Leibern den ersten Altar des Allerhöchsten.
Dort wollen wir gläubige Kinder Zürichs uns nun versammeln, um ihr Gedächtnis freudig zu feiern und mit ihnen zusammen zu rufen:
Herr, schütze diese Deine Stadt und all’ ihre Bewohner. Behüte uns von allem Übel
als der einzig Menschenliebende.“

(Doxastikon aus der Vesper)

An der Prozession und dem Vespergottesdienst nehmen auch katholische und reformierte Glaubensgeschwister sowie die Stadtbehörden teil. Organisiert und getragen wird diese Feier von der Arbeitsgemeinschaft Orthodoxer Kirchen in der Schweiz (AGOK). Neben der Förderung der Beziehungen der verschiedenen in der Schweiz ansässigen orthodoxen Kirchen soll das „Fest von Felix und Regula (…) vor allem ein aktiver Beitrag der Orthodoxen verschiedener Herkunft zu ihrer Integration in der Schweiz sein. Dabei haben wir nicht nur zu lernen, sondern auch den Schweizer westkirchlichen Christen manches aus der Erfahrung und Tradition der Ostkirche zu schenken. So die Erinnerung an ihre lange zu Unrecht vergessenen Stadtpatrone von Zürich!“

Seit 2004 besteht die AOGK als lose Kooperation. Am 21. November 2006 wurde sie von acht orthodoxen Gemeinden aus den Kantonen Zürich und Aargau vereinsrechtlich konstituiert, die armenischen, äthiopischen, indischen, koptischen, rumänischen, russischen, serbischen und syrischen Kirchen angehören. Unterdessen sind weitere Gemeinden des byzantinischen Ritus und der altorientalischen Kirchen sowie Einzelpersonen aus der ganzen Schweiz dazu gestossen.

Bereits konnte ein gesamtorthodoxes Kirchenblatt geschaffen werden, das seit 2008 unter dem Titel „SuisseOrthodoxeSchweiz“ vierteljährlich auf Deutsch und Französisch erscheint. Andere Pläne betreffen eine Orthodoxe Nachrichten-Agentur (ONA) sowie die interorthodoxe Jugendarbeit.

Glaubenszeugen aus Ägypten

Bei den gefeierten Zürcher Stadtheiligen Felix, Regula und Exuperantius handelt es sich um Märtyrer der thebäischen Legion. In einigen der orthodoxen Mutterkirchen sind sie zwar kaum bekannt, aber für die in der Schweiz lebenden Gläubigen ist ihre Verehrung ein Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur hiesigen Bevölkerung. Die Heiligen gehörten zu der Legion, die im 3. Jahrhundert in der Region um Theben (heute Luxor) herum im damals zum Teil schon christlichen Oberägypten ausgehoben wurde und in der heutigen Schweiz Dienst leistete.

Gemäss einem erstmals durch Bischof Eucherius von Lyon (um 440) überlieferten Passionsbericht sollen Mitglieder dieser Legion um 300 bei Acaunum (Saint-Maurice im Wallis) den Märtyrertod erlitten haben.

Die Legionäre hätten sich geweigert, an Christenverfolgungen und heidnischen Kulthandlungen teilzunehmen. Eucherius nennt die Truppenführer Mauritius, Exuperius und Candidus, einen Veteranen Victor sowie als weitere Opfer Ursus und Victor, die in Solothurn dasselbe Schicksal erlitten hätten. Ebenfalls den Thebäern zugerechnet wird die besonders in Zurzach verehrte hl. Verena.

Das freudig weiter erzählte Glaubenszeugnis dieser aus Ägypten stammenden Märtyrer entfaltete im Gebiet der heutigen Schweiz eine ungeheure Wirkung. Und den Verkehrswegen entlang breitete sich ihr Kult auch in Norditalien und bis an den Niederrhein aus.

Der christliche Orient in der Schweiz

Dass orthodoxe und altorientalische Gläubige unsere Mitbürger und Nachbarn sind, ist leider nur ganz wenigen bewusst. Tatsächlich kamen griechische Emigranten bereits im Laufe des 18. Jahrhunderts zu uns. Die erste orthodoxe Kirchengemeinde in der Schweiz wurde 1816 in Bern von der Russischen Orthodoxen Kirche gegründet. 1966 wurde das orthodoxe Zentrum des Ökumenischen Patriarchates in Chambésy bei Genf gegründet. Die orthodoxen Serben bilden zahlenmäßig die grösste orthodoxe Kirchengemeinschaft der Schweiz. Nach der Volkszählung von 2000 leben in der Schweiz über 131 000 orthodoxe Gläubige. Wie das Beispiel der Vesper und Prozession zu Ehren der Stadtheiligen von Zürich zeigt, treten diese Gläubigen heute selbstbewusster in der kirchlichen Landschaft der Schweiz auf. Gott sei Dank!

„Hochgelobte Märtyrer Felix, Regula und Exuperantius, Ihr, die vor Christus steht,
für Den ihr gelitten habt, bittet den Herrn um die Erlösung jener, die mit Glauben Euer gedenken.“

(Kondak aus der Vesper)

P. Kilian Karrer OSB