Sein als Mitsein – Ein Aspekt orthodoxer Spiritualität

Die orthodoxe Spiritualität ist ein weiter Bereich. Im Hinblick auf die aktuelle Weltlage und in der Gewissheit, dass wir auf Ostern zugehen, habe ich das Thema «Sein als Mitsein» gewählt. Wir stehen in der Fastenzeit, wissen jedoch, dass die Karwoche noch vor uns steht und Auferstehung nur stattfinden kann, wenn wir das Kreuz annehmen. Die Idealvorstellung ist, dass – wenn unser eigener Kreuzweg bevorsteht – wir nicht alleine sind, sondern von einer nahestehenden Person begleitet werden und uns von Gott getragen fühlen. Dann werden wir es schaffen, durch die Ängste von Krieg, Verlust und Tod hindurch zu gehen und dem christlichen Glauben treu zu bleiben.

Sein als Mitsein in Gott

Viele Propheten haben von Gott Zeugnis abgelegt. Die christliche Gotteslehre basiert auf der Annahme, dass sich Gott in Jesus Christus offenbart hat. Das Spezifische, welches das Christentum von anderen Religionen unterscheidet, ist der Glaube an einen dreifaltigen Gott. Diese Offenbarung, welche in Jesus manifest wurde, ist ein Geheimnis, welches nur im Glauben erfasst werden kann. Die göttliche Trinität umfasst Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.

Vor allem die Kirchenväter aus der Zeit der frühen Kirche haben sich dazu geäussert, so z.B. Johannes Damascenus (650-754). Er schreibt: Diese drei göttlichen Personen unterscheiden sich «nicht im Wesen», sondern «die gegenseitige Beziehung und die Seinsweise»1 machen das je Eigene, das jeder Person Spezifische aus. Diese Beziehung zueinander hat der Mensch jedoch, wie die Aktualität zeigt, nie richtig verstanden. Die innergöttliche Beziehung ist durch ein Band der Liebe gekennzeichnet. Die Liebe aber ist eine Gott immanente Eigenschaft. Der Evangelist Johannes bezeugt dies in einer Aussage, die einfacher und klarer nicht sein könnte, nämlich: «Gott ist die Liebe.» (1Joh 4,8)

Die Liebe Gottes ist der Grund für die Erschaffung der Welt und für das spätere Heilswirken an der Welt. Wir lesen bei Johannes: «So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder (und jede), der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.» (Joh 3,16) Es ist der Sohn Gottes, der das Werk der Erlösung durch seinen Kreuzestod vollbracht hat, wodurch der Mensch selbst – durch seine Fähigkeit zur Liebe – in das göttliche Heilsgeschehen hineingezogen ist.

Sein als Mitsein mit den Mitmenschen

Der Mensch hungert nach wahrer, echter Beziehung. Viele übersehen dabei, dass Profitbeziehungen oberflächlich sind. Eine Beziehung, die Bestand haben soll, muss aus der Tiefe kommen. Besonders Zeiten der Not zeigen dem Menschen auf, wie lebenswichtig Beziehungen sind; sie sind Ausdruck eines existentiellen Bedürfnisses.

Das innere Band, das Menschen miteinander verbinden soll, muss aus einer unversiegbaren Quelle kommen, die fähig ist, die Beziehung immer wieder zu erneuern. Echte Beziehung hat mit Liebe zu tun. Liebe zum Mitmenschen. Dass mir der oder die andere nicht egal ist. Es liegt auf der Hand, dass diese Quelle in Gott liegen muss. Der Mensch erfährt die Liebe Gottes als Trost und Beistand, als Kraft und Mut, Wahrheit und Friede (Joh 14; 15).

Es ist Gott selbst, der dem Menschen die Liebe ins Herzen legt. Die Liebe aber will zum Ausdruck kommen und wirksam werden (Gal 5,6). So bewegt die Begegnung mit Gott, im Besondern in der Eucharistie, die Gläubigen zum Engagement für die andern, im Dienst am Nächsten. Und es ist diese Erfahrung der gelebten Nächstenliebe, die wiederum den Menschen dazu bewegt, zur Quelle der Liebe zurückzukehren, um sich an ihr zu laben und zu stärken. Menschliches Sein äusserst sich als ein Mitsein mit den Mitmenschen.

Sein als Mitsein mit der himmlischen Welt

Bei diesem Aspekt geht es um die Dimension, die von dieser in die andere Welt hinüberreicht – und umgekehrt, vom Einbruch der himmlischen Welt in die irdische Welt der Menschen.

Wer jemals echte Liebe erfahren hat, weiss, dass in der Liebe die Sehnsucht nach Höherem schlummert, nach dem, was uns ganz erfüllt, nach der Fülle unseres Seins, welche nur in Gott zu finden ist. Die Mystiker und Mystikerinnen gehen so weit, dass sie den Tod nicht als Ende, sondern als Anfang in einer neuen Welt verstehen. So kann man sagen: Der Tod in der irdischen Welt ist die Geburt in der himmlischen Welt. Aus dieser Gewissheit feiert die Kirche den Todestag eines Menschen als Geburtstag in der andern Welt, als Sein in und bei Gott. In der orthodoxen Spiritualität ist das Bewusstsein zentral, dass die Kirche eine einzige ist: Sie verbindet Himmel und Erde; sie umschliesst die Lebenden und die Vorausgegangenen; bereits im Jetzt ist sie die Brücke zwischen Diesseits und Jenseits. Dies kommt im orthodoxen Verständnis des Gottesdienstes zum Ausdruck: als göttliche Liturgie bezeichnet, ist sie Abbild der himmlischen Liturgie.

Sein als Mitsein

Wenn Gott als der Inbegriff der Liebe bezeugt und erfahren wird, so ist es diese unermessliche Liebe, die «das Bild von einem Gott, der dem Menschen in eine unerreichbare Ferne entrückt ist, auf den Kopf (stellt)»2. Man könnte sagen: Für wen «Gott» nur noch eine Energie ist, ein unbekanntes Wesen, ein unerreichbares Etwas, dem ist die Liebe abhanden gekommen.

Für eine Christin bzw. einen Christen, im Besondern aber für die orthodoxe Kirche, welche vom Evangelium nach Johannes inspiriert ist, kann das Reden von und über Gott nur mit der Liebe verglichen werden. Dass Gott die Liebe ist: dieser Zentralpunkt durchwirkt das Leben und das Bewusstsein der Orthodoxie.

Die orthodoxe Spiritualität ist Ausdruck der Sehnsucht nach Gott, nach dem Sein bei Gott. Dieses Hungern nach Gott hat zur Folge, dass der orthodoxe Gläubige versucht, Gott in sein Leben hineinzuziehen; man möchte etwas von diesem Göttlichen im irdischen Leben spüren, erfahren; man möchte mit dem Göttlichen kommunizieren können. Ebenso möchte man mit allen, von denen man glaubt, dass sie bereits bei Gott sind, verbunden bleiben. Auch wenn das Ziel des irdischen Lebens als Weg zu Gott verstanden wird, sind sich orthodoxe Christen bewusst, dass man diesen Weg nicht alleine gehen kann, sondern nur in Gemeinschaft, d.h. in einer Gemeinschaft der Liebe, die Gott und die Lebenden und die Vorangegangenen miteinschliesst. Unser Sein ist ein Mitsein in allen Dimensionen.

Maria Brun, Dr. theol.


Bildhinweis

Ikonen von Monika Deschler

  • Die Anastasis – Auferstehungs-Ikone
  • Die Abendmahls-Ikone

  1. P. G. 94, 824. 837. ↩︎
  2. Theunissen Michael. In: Was ist eine gute Religion? Zwanzig Antworten (hg. v. Uwe Justus Wenzel). München 2007, 120. ↩︎

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