Landläufig gehört der Rosenkranz zur römisch-katholischen Kirche. Zur Orthodoxen Kirche gehört für die meisten hingegen das ununterbrochene Jesusgebet. Aber vor allem in Russland ist seit langem ebenso eine Gebetsform in Gebrauch, bei der die orthodoxe Version des Ave Maria regelmässig wiederholt wird. Das Gebet ist in fünfzehn Abschnitte eingeteilt, von der Geburt Mariens über den Tod und die Auferstehung Jesu bis zur Verherrlichung Mariens.
Jeder einzelne Abschnitt wird eingeleitet mit einem Vaterunser, es folgt 10 Mal das orthodoxe Ave Maria:
Gottesgebärerin Jungfrau, gegrüsset seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit Dir; du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, denn du hast geboren den Heiland unserer Seelen.
Es werden noch andere Gebetstexte angefügt, entsprechend dem Thema des Abschnitts.
Dieser orthodoxe Rosenkranz, der auch „Gebetsregel der Heiligen Gottesgebärerin“ genannt wird, ist mit dem Namen des hl. Seraphim von Sarow verbunden. Die Lebensgeschichte dieses Heiligen ist ja in ganz besonderer Weise mit der Gottesmutter Maria verbunden.
Bereits als Kind wurde er schwer krank. Während einer Nacht erschien ihm die selige Jungfrau Maria und sagte ihm, dass sie ihn bald heilen werde. Wenige Tage danach kam die Prozession mit der wundertätigen Ikone der Muttergottes von der Erscheinung vorbei und musste wegen einem Gewitter im Haus der Familie des kranken Buben Halt machen. Nach dem Weiterzug der Prozession nach dem Gewitter erholte er sich rasch und wurde gesund.
Als Novize im Kloster Sarow wurde er durch die Entbehrungen, die er seinem Körper zumutete, wieder ernsthaft krank und konnte das Bett nicht mehr verlassen. Drei Jahre lang war er dem Tod nahe, lehnte aber jede ärztliche Hilfe ab. Er vertraute auf Jesus Christus und die Gebete seiner heiligen Mutter. Nach einer Krankenkommunion sah er plötzlich die Jungfrau Maria, begleitet von den Aposteln Petrus und Johannes, sich ihm nähern. Sie sagte auf ihn zeigend: „Er ist einer von uns.“ Und sie berührte ihn. Danach wurde er schnell gesund.

Hl. Seraphim von Sarow (Gedenktag: 2. Januar)
Als er dann als Einsiedler in den Wäldern um Sarow lebte, schlugen ihn Bauern auf der Suche nach Geld und Wertsachen brutal nieder und liessen ihn liegen. Er konnte sich zum Kloster schleppen, lehnte aber wiederum jede ärztliche Hilfe ab. Und wieder erschien ihm die selige Jungfrau Maria, begleitet von den Aposteln Petrus und Johannes, und sagte: „Er ist einer von uns.“ Wieder wurde er gesund. Er blieb aber ein Leben lang gekrümmt und konnte sich nur noch mühsam, auf einen Stock gestützt, fortbewegen.
Als Vater Seraphim auf Befehl seiner Oberen ins Kloster zurückkehrte, schloss er sich in seiner Klosterzelle ein und bewahrte strenges Schweigen. Erst nach einer Erscheinung der seligen Jungfrau Maria, die ihm befahl, das Stillschweigen zu brechen, redete er wieder und teilte seine Weisheit und Erkenntnis anderen mit.
Aber die selige Jungfrau Maria erschien ihm ein paar Jahre später ein weiteres Mal und befahl ihm, seine Zelle zu verlassen und sich der vielen Rat und Hilfe suchenden Menschen anzunehmen.
Auf dem Weg zu seiner Klause im Wald sah Vater Seraphim plötzlich die Gottesmutter Maria und die Apostel Petrus und Johannes. Die Gottesmutter liess aus dem Boden eine ergiebige, wunderkräftige Quelle entspringen. Sie gab ihm den Auftrag, bei Diveevo mit Jungfrauen ein Kloster zu gründen, in welchem sie selbst die Äbtissin sein würde.

Dreifaltigkeits-Kirche im Nonnenkloster Diveevo
Die selige Jungfrau gab Vater Seraphim für diese neue Kommunität später auch eine neue Gebetsregel, die in vereinfachter Form auch seiner „Gebetsregel für jene, die in der Welt leben“ zugrunde liegt:
Berufstätige Laien sollen sich demnach nach dem Aufstehen bekreuzigen und das Vaterunser, das Ave Maria und das Credo beten. Am Morgen während der Arbeit sollen sie still das Jesusgebet wiederholen. Vor dem Mittagessen sollen sie wieder das Vaterunser, das Ave Maria und das Credo beten. Bei der Arbeit am Nachmittag sollen sie dann beten: Hochheilige Gottesmutter, rette mich Sünder. Vor dem Schlafengehen sollen sie wiederum das Vaterunser, das Ave Maria und das Credo beten. Denn für Seraphim von Sarow ist das Vaterunser das Vorbild für alles Beten. Das Ave Maria ist der Gruss des Engels, der zum Eckstein des Neuen Bundes wurde. Und das Credo fasst alle Grundwahrheiten des christlichen Glaubens zusammen. Durch diese Gebetsregel kann man das Mass der christlichen Vollkommenheit erreichen.
Vater Seraphim liess das neue Kloster mit einem breiten Graben umgeben, der es vor den Attacken des Antichrists schützen solle. Denn der Graben sei der Weg, auf dem die Himmelskönigin ihren Rundgang um das Areal mache. Sie hat diese Stätte erwählt, um hier ihren Namen zu verherrlichen. Und wer diesen Weg das Ave Maria betend abschreitet, werde im ewigen Leben gerettet werden. Auch heute noch schreiten die Nonnen und die Pilger diesen Weg entlang und wiederholen dabei immer wieder das orthodoxe Ave Maria.

Muttergottes-Ikone „Umilenie“
vom hl. Seraphim „Freude aller Freuden“ genannt
Am Abend des 1. Januar 1833 sang Vater Seraphim in seiner Zelle einige Ostergesänge. Am nächsten Morgen fand man ihn tot vor der Muttergottes-Ikone „Freude aller Freuden“, in kniender Haltung mit über der Brust gekreuzten Händen und geschlossenen Augen.
Für Vater Seraphim war die Mauer zwischen dieser und der anderen Welt durchsichtig und das Reich Gottes offenbarte sich in strahlender Klarheit. Er war in besonderer Weise mit der Gottesmutter verbunden, die ihm viele Male erschien, und vertraute ihr „seine“ Nonnen in Diveevo an. Uns hat er das Ave Maria als zweites Herzensgebet hinterlassen.
P. Kilian Karrer OSB