Zwei Tage nach dem schrecklichen Blutbad von Mumbai flog ich dorthin, nicht etwa als Katastrophentourist, sondern weil ich zu einer Konferenz von Theologen in Pune eingeladen war. Diese Millionenstadt in Maharashtra, die «Königin des Dekkan» genannt, ist sowohl historisch (Gandhi sass 1942 als Gefangener im Aga Khan-Palast) wie auch wirtschaftlich von Bedeutung (Auto- und Computer-Industrie, Verkehrsknotenpunkt). Dazu ist es ein Zentrum der Wissenschaft (neun Universitäten, über hundert Forschungsinstitute) und der Religionen: Berühmte Hindu-Tempel, die grösste Synagoge Indiens und verschiedene christliche Kirchen – auch die grösste theologische Bibliothek Indiens – sind in Pune daheim.
Der «Bethany Ashram»
Die Syro-Malankarische Kirche (die mit Rom verbundene Kirche des westsyrischen oder antiochenischen Ritus in Indien) ist ein relativ kleiner, aber bedeutender Teil der so genannten Thomas-Christen im südindischen Kerala. Weil von dort Tausende in die andern indischen Staaten auswandern (auch bei uns in der Schweiz leben und arbeiten viele Keralites), haben die Bethany Fathers («Patres von Betanien»)[1] 1955 in Pune eine Niederlassung errichtet, den Bethany Ashram, der zu einem Zentrum der kirchlichen Aktivitäten des Ordens wurde. Von dieser spirituellen Heimat aus wurden viele Pfarreien gegründet, und als Seminar hat der Ashram für den Orden gegen 150 Priester ausgebildet.
In den indischen Bundesstaaten gibt es zwölf solcher Malankara-Zentren, und diese unterhalten jeweils bis zu zehn Stationen. Acht dieser Zentren werden vom Bethany-Orden betreut, der damit eine grossartige seelsorgerische und soziale Arbeit leistet. Denn die Migranten aus Kerala kommen sich in Delhi oder Mumbai ebenso fremd vor wie ein Walliser in Zürich oder ein Kanadier in der Türkei. Vor allem Jugendliche sind auf Betreuung durch die heimische Kirche angewiesen, denn auch eine römisch-katholische Pfarrei ist für sie sprachlich und spirituell viel zu fremd.
Die von der Kirche geführten Schulen aller Stufen haben ein hohes Niveau und werden dementsprechend geschätzt. Weil sie auch Kindern der unteren Schichten Aufstiegsmöglichkeiten bieten, tragen sie dazu bei, das diskriminierende Kastensystem Indiens zu durchbrechen. Doch leider wird gerade dies zum Anlass für die neuerliche Christenverfolgung, denn gewisse Grossgrundbesitzer wollen auch in Zukunft ungebildete Dalits als Sklaven ausbeuten können. Die Verunglimpfung des Christentums als «unindisch» ist dabei bloss ein törichter Vorwand.
So sind die Ordensleute von der Nachfolge Christi – parallel zu den «Betanien-Patres» gibt es auch die Kommunität der «Betanien-Schwestern» – zu Pionieren des kirchlichen Pluralismus geworden, die mönchische Zurückgezogenheit mit einem Leben in Gemeinschaft und mit vielfältiger apostolischer Aktivität verbinden. Die Bezeichnung ihrer Häuser als Bethany Ashram weist auch hin auf die Verbindung von Christentum und indischer Kultur: In Betanien war Jesus öfters Gast im Haus von Lazarus, Martha und Maria (vgl. Jo 11,1-44; 12,1-8), die zu den ersten christlichen Zeugen gehörten, und ein Ashram ist ein Zentrum der religiösen Besinnung.
Gebet und Wissenschaft
Die Erweiterung des Ashrams von Pune zu einem theologischen Forschungsinstitut 1992 mit Namen Bethany Vedavijnana Peeth (Institut für östliche Theologie) bedeutete einen wichtigen Schritt der Syro-Malankarischen Kirche auf dem Weg zur Selbstfindung. Die Herrschaft der Portugiesen hat im 17. Jh. die Kirche der Thomas-Christen weitgehend verwestlicht (der lateinische Ritus galt den Europäern als der einzig richtige), und heute muss die indische Kirche versuchen, die verlorene Inkulturation, die Verwurzelung in der eigenen Kultur, wiederzugewinnen. Das «Gesetz des Thomas», d. h. Theologie und Praxis der Thomas-Kirche, der die berüchtigte Synode von Udayamperur (Diamper) von 1599 Häresie und heidnische Missbräuche unterstellte,[2] soll wieder gelten: Hindu im Kulturellen, Christ im Religiösen, Orientale im Gottesdienst. Und Rom wünscht diese Rückkehr zur Tradition ausdrücklich.[3]
Deutung des Emblems
Dreieck: Dreifaltigkeit
Auge: Auge Gottes
Hand: Symbol des Lehrens
Buch: Heilige Schrift
Licht: Wachstum des Schülers
Ein Schüler, der fest an den dreieinigen Gott glaubt, verlangt nach Erkenntnis Gottes. Die Heilige Schrift und die Worte des Gurus (des religiösen Lehrers) erleuchten den Geist des Sishyas (des Schülers, Jüngers), damit er als Licht in der Welt scheine.
Schriftzug in Syrisch, Englisch und Hindi: «Schulung führt zu Erkenntnis»
Die BVP-Konferenz im Dezember 2008 beschäftigte sich mit der Jakobus-Liturgie, die auf die urchristliche Form der Liturgie von Jerusalem zurückgeht und in den Kirchen des westsyrischen Ritus bis heute gefeiert wird. Dieser Gottesdienst lässt in seiner schlichten und zugleich erhabenen Feierlichkeit, mit seinen Hymnen von unerreichter theologischer Tiefe, in einer Sprache voll orientalischer Poesie und mit Riten voll reicher Symbolik nicht nur das Leben Jesu gegenwärtig werden, sondern die ganze Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zur Wiederkunft des Herrn am Jüngsten Tag. Bibel und urchristliche Tradition sind die Quellen der Theologie, die für die Gläubigen in der Eucharistiefeier zu lebendiger Wirklichkeit werden, weil diese Liturgie einen dauernden Dialog zwischen allen Teilnehmern darstellt: Priester, Diakon und Volk sind gemeinsam «Zelebranten», sie feiern das Geheimnis, das wir Gott nennen, in Lobpreis und Dank, Bitte, Busse und Anbetung. Einen Kirchenchor benötigt man nicht, denn die einfache Gesangsart, eine Art Rezitativ, ermöglicht es allen, auch ohne Notenschrift mitzusingen.
Allen Anwesenden kommen je nach ihrem Stand bestimmte Aufgaben zu: Der Priester ist als Verwalter der Sakramente mit der Darbringung des eucharistischen Opfers und des Gebets betraut (beim Beten wendet er sich wie das Volk nach Osten, zum Segnen dagegen nach Westen zum Volk hin); der Diakon (der als «Verbindungsmann» häufig vom Altarraum ins Kirchenschiff wechselt) leitet die Versammlung durch Gebetsintentionen, Erklärungen und ordnende Zurufe, damit die Liturgie – wörtlich «das Werk des Volkes» oder «öffentlicher Dienst» – richtig vollzogen wird.
Ein Beispiel für die genannte dialogische Struktur des syrischen Qurbono (wörtlich «Darbringung, Opfer») zeigen die Worte zum Friedensgruss:
P Friede sei mit euch allen.
V Und mit deinem Geiste.
D Barekhmor![4] Geben wir einander in der Liebe unseres Herrn und Gottes den Frieden, jeder seinem Nachbarn mit dem heiligen und göttlichen Kuss.
V Mach uns, Herr und Gott, dieses Friedens würdig alle Tage unseres Lebens.
Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon
[1] Der Order of the Imitation of Christ (OIC) ist eine Gründung des Bischofs Mar Ivanios, der 1930 die Union mit der Römischen Kirche abgeschlossen hat. Das Ordenszentrum mit dem Generalat befindet sich in Kottayam, Kerala.
[2] Die Portugiesen verbrannten sogar die liturgischen Bücher, die in syrischer Sprache geschrieben waren, d. h. in der Muttersprache Jesu!
[3] Z. B. mit dem Apostolischen Schreiben von Johannes Paul II. Orientale Lumen («Das Licht aus dem Osten», 1995).
[4] Syr.: Segne, Herr!