„Und das Licht leuchtet in der Finsternis…“ (Joh 1,5)

Licht und Finsternis, diese zwei Gegenpole durchziehen die ganze Bibel – und unser tägliches Leben. Sie stehen für so viele Erfahrungen, für Empfindungen und Erlebnisse, die unser alltägliches Leben prägen, nicht nur in der Advents- und Weihnachtszeit, sondern immer und überall.

Mit der gegenwärtigen „Strommangellage“ (Wort des Jahres 2022) ist die Adventszeit wieder etwas dunkler im Sinne von weniger lichtüberflutet geworden. Die adventlich-weihnächtliche Festbeleuchtung in den Strassen und Schaufenstern, auf Balkonen von Geschäfts- und in den Fenstern von Wohnhäusern, in privaten Gärten und öffentlichen Parkanlagen ist in den letzten Jahren immer mehr geworden. Man sprach daher – auch in Bezug auf die allabendliche Beleuchtung unserer Dörfer und Städte – vom Problem einer zunehmenden „Lichtverschmutzung“. Wo die Nacht nicht mehr dunkel sein darf, haben nicht nur Vögel und andere Wildtiere ihre Orientierungsschwierigkeiten, auch in uns Menschen kommt so einiges durcheinander… – Mittlerweile aber scheint sich doch ein Wandel zu vollziehen: Wo bis anhin Lichtgirlanden und blinkende Rentierfiguren ganze Häuser und Gärten beleuchtet haben, sieht man heute wieder öfter auf den Fenstersimsen oder vor den Haustüren einfache Kerzen brennen, ein wohltuend warmes, ruhiges Licht ausstrahlend.

Dieses ruhige, warme Licht spricht uns zutiefst an; es führt uns – auch wenn es nur für kurze Momente ist – zu Innerlichkeit, zu Stille und Ruhe. Wir kennen ja die Wirkung des Kerzenlichtes aus vielen alltäglichen Erfahrungen: Kein festliches Essen, kein romantisches Tête-à-tête, kein Geburtstagskuchen, keine Erinnerungsfeier für Verstorbene oder keine Mahnwache für die Opfer von Gewalt ohne Kerzen. – Licht, Kerzenlicht spricht für sich; es berührt und braucht keine umständlichen Erklärungen.

So gehört das Licht seit je her zu den grundlegenden Symbolen der verschiedenen Religionen, auch der jüdischen und christlichen. Schon im dritten Vers zum Beginn des Alten Testamentes erscheint das Licht, das die Finsternis über der Urflut vertreibt:
„Gott sprach: es werde Licht. Und es wurde Licht…“ (Gen 1,3).

Das Lichtmotiv setzt sich in unzähligen Variationen fort. Immer ist es das Licht, das Hoffnung und Zuversicht ankündigt und die Dunkelheiten irdischer Gefangenschaft und Unterdrückung vertreibt:

„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jes 9,1).

Was sich in der Geschichte des Volkes Israels abzeichnet, erfüllt sich schliesslich in der Geburt Jesu von Nazareth; der Glanz Gottes umstrahlt die Hirten und ihnen verkündet der Engel:
„Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine grosse Freude…: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr“ (Lk 2,9-11).

Schliesslich ist es Jesus selber, der das Lichtmotiv aufgreift und auf sich selber anwendet:
„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12).

Gewissermassen bestätigt wird diese Selbstaussage Jesu in der wunderbaren Verklärung; mit drei seiner Jünger steigt Jesus auf einen Berg, um zu beten. Während er also betet, verändert sich sein Gesicht und sein Gewand wird leuchtend weiss und: da erscheinen Mose und Elija in strahlendem Licht und sprechen mit Jesus über sein Ende in Jerusalem; alle drei sind in strahlendes Licht getaucht. Dieses Licht, das Taborlicht, geht als das göttliche, nicht-geschaffene Licht in die Theologie z.B. des Hl. Gregorios Palamas (14. Jh.) ein; es ist das göttliche Licht, das dem betenden Menschen (Herzens- oder Jesusgebet in der Tradition des Hesychasmus) als Geschenk, als Gnade zuteilwerden kann.

Wo Licht ist, da ist Gott – so könnte man etwas vereinfacht und zusammenfassend sagen, auch wenn umgekehrt ebenso gilt: Wo der glaubende, suchende Mensch im Dunkel des Zweifels, der inneren Leere und Not ist, auch da ist Gott, zwar verborgen, aber nicht abwesend, oder wie es König Salomo sagt:
„Der Herr hat die Sonne an den Himmel gesetzt; er selbst wollte im Dunkel wohnen“ (1Kön 8,12).

Es verwundert nicht, sondern ist vielmehr eine logische Folge, dass das Motiv des Lichtes auf vielfältige Weise auch in das Feiern des Glaubens, in den Gebetsschatz und in die verschiedenen kirchlichen Brauchtümer eingeflossen ist. Gerade in der Liturgie des Ostens und des Westens spielt das Licht eine zentrale Rolle. Da sind etwa die bei der Evangelien- oder bei der Gabenprozession mitgeführten Kerzen nicht einfach schön anmutende Dekoration, sondern stets Symbol für eben dieses göttliche Licht in und durch Christus.

Dieses Licht besingt der Chor dann nach dem Empfang der Heiligen Kommunion, also des kostbaren Leibes und Blutes Jesu Christi:

„Gesehen haben wir das wahre Licht, empfangen haben wir den Geist vom Himmel, gefunden haben wir den rechten Glauben, die ungeteilte Dreifaltigkeit beten wir an, denn sie hat uns erlöst“ (Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos).

Oder denken wir an den Charakter der byzantinischen Vesper, also des ostkirchlichen Abendgebetes: In diesem Gebet wird auf mystische Weise der Schöpfung Gottes gedacht. Ein Höhepunkt der Vesper ist jeweils der Gesang des Abendhymnus „Heiteres, freundliches Licht“; dieser Hymnus dürfte einer der ältesten Gesänge der frühen Christenheit sein (2. Jh.) und erklingt jeweils nach dem Einzug mit dem Weihrauch durch die Heilige, Königliche Pforte der Ikonostase:


„Heiteres Licht heiliger Herrlichkeit des unsterblichen Vaters, des himmlischen, des heiligen, des seligen: Jesus Christus.
Gekommen zum Sinken der Sonne schauen wir das Abendlicht und singen in Hymnen Gott, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.
Würdig bist Du zu allen Zeiten mit geziemenden Rufen gefeiert zu werden:
Gottessohn, Lebensspender: Dich verherrlicht das All.“
1[1]

Das Licht göttlicher Gegenwart begleitet uns von der Geburt bis zum Tod. In SEINEM LICHT zu leben und in sein LICHT hinein zu sterben ist unser Weg; ein Weg des Vertrauens, der Zuversicht und der Freude – trotz aller Dunkelheiten in dieser Welt und in unseren Herzen. 

Ihnen ein lichtvolles Weihnachtsfest.

Daniel Blättler, Protodiakon


  1. Mysterium der Anbetung. Göttliche Liturgie und Stundengebet der Orthodoxen Kirche. – Hrsg. Sergius Heiz, Luthe-Verlag, Köln 1986 – S. 34. ↩︎

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