«Zurück zu den Wurzeln»

Das päpstlich approbierte Hilfswerk «Catholica Unio» hielt vom 27. bis 30. Oktober 2010 im Kloster Mariastein seine jährliche Generalversammlung ab. Dabei konnte die Ernennung von S.E.R. Mons. Alois Kothgasser, Erzbischof von Salzburg, zum neuen Generalpräsidenten der Catholica Unio bekannt gegeben werden.

S.E.R. Mons. Alois Kothgasser, neuer Generalpräsident Catholica Unio

Damit kehrt unser Ostkirchenwerk in gewisser Weise wieder zu seinen Wurzeln in Österreich zurück. Dort wurde es gegründet und erlebte seine erste Blütezeit. Iso Baumer, früherer Generalsekretär von Catholica Unio und ausgewiesener Kenner seiner Geschichte, schreibt darüber u.a.[1]:

«Die CU wurde nicht in ein ruhiges, förderliches Umfeld hinein gegründet. Unmittelbar vorausgegangen war der erste Weltkrieg mit seinen Umwälzungen: Zerfall des Zarenreichs, der österreichisch-ungarischen Monarchie, des Osmanenreichs… Im übrigen Europa hatte es im 19. Jahrhundert weitherum – im Gefolge der französischen Revolution und der nachkommenden Veränderungen – höchst virulente antikirchliche Strömungen gegeben. Die Aufklärung, der man heute mit etwas mehr Gelassenheit gegenübertritt, hatte das Bildungswesen und die politischen Kräfte erfasst. Revolutionäre Erhebungen durchschüttelten viele Länder.

Das Papsttum zog sich auf seine geistliche Aufgabe zurück, da ihm die weltlichen Kompetenzen mehr und mehr entwunden wurden. Damit einher ging eine Zentralisierung, die die römisch-katholische Kirche in noch grösseren Gegensatz zu den Ostkirchen brachte, die aufgrund ihrer autokephalen Struktur der Freiheit und Vielfalt grösseren Raum lassen, ohne doch die Glaubenssubstanz loszulassen oder sich in Liturgie und Kirchenaufbau unangemessene Willkürlichkeiten herauszunehmen. In den folgenden Zeiten der Verfolgung und Unterdrückung hielten die orthodoxen und alt-orientalischen Kirchen durch und zahlten, wie die römisch-katholische, ihren Blutzoll gegenüber kirchenfeindlichen totalitären Regierungen.

Im Jahre 1917 entstand in Russland ein Sowjetkongress, der die Macht errang…Ein fast dreijähriger Bürgerkrieg gegen Monarchisten, bürgerliche Demokraten, Sozialrevolutionäre und Menschewiki (militärisch die „Weisse Armee“ gegenüber der Roten) begann; er löste eine Welle der Auswanderung aus. Bis 1922 hatten zwischen 860 000 und 1 130 000 Russen und Ukrainer ihre Heimat verlassen und waren in den Westen geflüchtet, über Berlin, über Wien und Konstantinopel, das Mittelmeer, sehr häufig nach Paris oder noch weiter in die Vereinigten Staaten.

Eine Gruppe von Österreichern und Exil-Ukrainern tat sich zusammen, um die Gunst der Stunde zu nutzen, und gründete einen Verein mit folgenden Zielen:

1. Eine Buchdruckerei und einen Verlag zu gründen für den Druck und Vertrieb katholischer Bücher in ukrainischer Sprache: Gebetbücher, Katechismen usw.

2. Eine Zeitschrift ins Leben zu rufen, welche die Idee der Wiedervereinigung in der Bevölkerung der Gross-Ukraine verbreiten könnte.

3. Ein Seminar für die ukrainischen katholischen Priester zu gründen.

4. Aufnahme von Beziehungen zu den in der Ukraine und in Polen schon bestehenden Aktionen zur Förderung der Union der ukrainischen zur katholischen Kirche; Heranziehung von hervorragenden ukrainischen Persönlichkeiten, welche sich mit der Unionsfrage beschäftigten.

Pfingstikone, orthodoxe Kirche Münchenstein – ein Bild der Kirche

Die Pläne waren hoch gesteckt, nur Punkt 3 nahm zaghaft und nur für kurze Zeit konkrete Gestalt an, alles andere verlief im Sande.

Schon bald hatten sich andere mit Rom unierte Christen für das Komitee interessiert, über die Grenzen der Ukraine hinaus. Man nahm sich vor, den gesamten europäischen Osten und bald auch den Nahen Osten ins Blickfeld zu nehmen. Es ging um eine wahrhaft katholische, umfassende Union der Kirchen. Darum hiess der Verein seit 1924 Catholica Unio.

Der Verein sollte über Wien hinaus ganz Österreich umfassen, ja den ganzen deutschen Sprachbereich, und noch weiter, in jedem nur möglichen Land Fuss fassen.

Das vom Weltkrieg weitgehend wirtschaftlich darniederliegende Europa konnte kaum die Finanzen auftreiben, um einen internationalen Verein nicht nur zu organisieren, sondern ihn auch wirksam werden zu lassen. Darum wollte man nach den finanzkräftiger erscheinenden USA ausgreifen.

Idee und Durchführung hingen ganz vom energischen Benediktiner-Pater Dr. Augustinus (Wilhelm) Graf von Galen ab. Er entstammte dem berühmten westfälischen Adelsgeschlecht und verfügte über dementsprechende kirchliche und politische Beziehungen. Natürlich hätte P. von Galen allein dies alles nicht in die Wege leiten können. In Wien fand er die vorbehaltlose Unterstützung von Kardinal-Erzbischof Piffl. Der ukrainische Metropolit Andrej Septyc’kyj aus Lemberg sicherte ihm sein Wohlwollen und seine Fürsprache bei den vatikanischen Stellen zu.

Viele Ideen stiegen hoch, um die exilierte Jugend aus dem Osten auf dem Wege von Gymnasien und Priesterseminaren der rechten Kirche zuzuführen, und einige wurden auch verwirklicht. Im Kontakt mit diesen jungen Leuten und ihrer Herkunftskirche begann allerdings oft auch ein Umdenken bei den katholischen Betreuern, ja die Unions-Idee selbst erfuhr einen langsamen Wandel.»

So hat sich auch die Catholica Unio gewandelt. Die unverzichtbare Grundidee ist und bleibt aber die Einheit der Kirchen, und das heisst Begegnung bis in den Alltag hinein, Studium, Reisen, Helfen und Aufeinander-Hören.

Begegnung mit Pfr. Ilias Papadopoulos, orthodoxe Kirche Münchenstein

In diesem Sinne wünschen wir dem neuen Generalpräsidenten und der Catholica Unio «Auf viele Jahre»!

P. Kilian Karrer, OSB


[1] Iso Baumer: Entfremdung, Trennung, Begegnung. Unveröffentlichtes Manuskript Freiburg/Schweiz 2004.