Zur Zeit wird in Einsiedeln das «Welttheater» aufgeführt; 2024 eine hundertjährige Tradition gefeiert. Das akustisch hervorragende Szenario mit der Klosterfassade als einmaliger Kulisse eignet sich bestens dafür. Zur Interpretation kam «Das grosse Welttheater» des Spaniers Pedro Calderon de la Barca. 1924 hatte dieses Barocktheater Première. Die folgenden Inszenierungen setzten jeweils dosierte Akzente innerhalb des vorgegebenen Rahmens.

Die alten Griechen
Das barocke Theater, welches in seiner ganzen Dramatik auf den Sterblichkeitsriten der alten Griechen beruht, zeichnet sich durch zwei Pole aus: Mensch und Gott. Die Griechen unternahmen alles, um die Götter gnädig zu stimmen, damit sie nach dem Tod ins «Land der Seligen» kamen und nicht in die Unterwelt. So gaben sie den Toten einen Obolus für Charon und Honigkuchen für Kerberos und Hades mit, man könnte sagen, eine Vorstufe von Bestechung.
Im Barock
Im Barocktheater des 17. Jahrhunderts gab es eine gewisse Akzentverschiebung. Man glaubte, dass Gott jedem Menschen seine Rolle im Leben zuteile. Man stellte das menschliche Leben einem Gott gegenüber, der am Ende der Lebenszeit Rechenschaft über die zugeteilten Rollen forderte. So werden bei Calderon zu Beginn die Rollen an die einzelnen Spieler und Spielerinnen verteilt. Am Schluss legt jeder und jede Einzelne die erhaltenen Insignien ab, um Gottes Gericht entgegen zu gehen.
Autoritätskrise
Die 68er Jahre brachten eine revolutionäre Situation mit sich, weil erstmalig eine Generation jegliche Form von Autorität ablehnte, inklusive die Kirche. Das hatte Auswirkungen auf das Welttheater in Einsiedeln. Der bis anhin geltende Ansatz, dass ein über der Welt stehender Gott Gesetze und Ordnung auf der Welt sowie das Leben der Menschen bestimmte, ja sogar die regierenden Hierarchien – welche die politischen Tragödien auf der Welt rechtfertigen würden – gottgewollt sein könnten, wurde strikte negiert.
Das neue Welttheater
Wollte man also die Tradition des Welttheaters in Einsiedeln weiter pflegen, bedurfte es neuer Wege. Seit 2000 wird ein namhafter Autor beauftragt, ein Welttheater zu schreiben, welches sich an Calderon orientiert, aber die aktuelle Lebenssituation aufgreift und in die Zeit spricht. Als Erster entwarf Thomas Hürlimann ein neues Welttheater; 2024 nun Lukas Bärfuss.
Selbstbestimmung
Bärfuss’ Welttheater, von Livio Andreina inszeniert, dockt zwar bei Calderons an, doch weigern sich eingangs die Schauspieler und Schauspielerinnen, die «alten Rollen» zu spielen. Auch der Autor wird vertrieben, weil er dem Spielvolk die Rollen aufzwingen will. Niemand, keiner, keine will sich etwas vorschreiben lassen. Jeder und jede will das eigene Leben leben. Es ist Schluss mit Bevormundung und Gottergebenheit. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung sind angesagt.
Weltsicht
Das aktuelle Theater ist ein Spiegelbild des Lebens: keine heile Welt. Die Hauptfigur, Emanuela, den Lebensaltern entsprechend von vier Frauen gespielt, verkörpert die Tugenden, durchläuft die einzelnen Lebenschancen, verfällt den Verlockungen der Welt, wird vom Alter eingeholt, steht schliesslich vor dem Tod. Als Kind liebt sie das unbeschwerte Spiel, als hübsches Mädchen verliert sie ihre Unschuld, als Bäuerin kämpft sie gegen Umweltkatastrophen, als Königin verfällt sie den Versprechungen von Reichtum und Schönheit und wird herrschsüchtig, wodurch sie ihren Liebsten verliert, der Armut verfallen gesellt sie sich zu den Aufständischen und kämpft für Gerechtigkeit.
Autonomie des Menschen
Bärfuss’ Welttheater will den Theaterbesuchern und -besucherinnen nicht nur einen Spiegel vorhalten, sondern sie zum Nachdenken anregen. Bleibt diese schaurig-schöne Welt sich selbst ausgeliefert oder gibt es Hoffnung? Wenn ja, welche? Die Menschen begehren auf, sie beschwören eine Revolution herauf. Sie schreien, kämpfen, fordern ihr Recht, sind bereit zu töten. Die Ruhe nach dem Sturm legt sich auf die Welt. Wie geht’s weiter? Ernüchternde Einsicht: Die Welt ist nicht besser als vorher. Frage: Kann eine nur auf den Menschen gestellte Welt besser werden? Wir träumen davon. Aber kann eine Welt besser sein, als der Mensch selbst es ist?
Lebensfragen
Emanuela spürt die Spuren des Alters. Sie wird sich ihrer Endlichkeit bewusst. Am Lebensende stellt sie die Frage: Habe ich weise gehandelt? Ist die Welt eigentlich eine Bühne, auf der alle nur eine Rolle spielen? Wenn nicht, was ist sie denn? Die greise Emanuela muss akzeptieren, dass die Jugend vorbei, die Lebenskraft am Gehen ist, die Schönheit sie verlässt. In ihrer Ratlosigkeit tritt «Die Welt» auf und gibt Antwort: «Es geht weiter, ohne dich. Ich bin deine Welt und sie verschwindet mit dir.» Wohin?
Die Sinnfrage
Dieses Welttheater stellt viele Fragen ans Leben. Existentielle Fragen. Was ist ein gutes Leben? Wofür übernehme ich Verantwortung? Wo sind meine Grenzen? Was bin ich bereit zu opfern? Wofür lohnt es sich zu sterben? Die Welt nach 2020 beschäftigt sich mit neuen Themen: Die Corona-Epidemie rückte die Fragilität des Körpers in den Vordergrund. 2022 erschütterte den Welt-Frieden und beschwor die Schrecken des Krieges herauf. Nach Bärfuss’ Meinung hat Religion nicht an Bedeutung verloren; sie sei aktueller denn je, jedoch losgelöst von den traditionellen Kirchen. Sein Welttheater sei ein Stück, das den Glauben stärken wolle. Welchen Glauben? Ein Glaube ohne Gott? Bei Bärfuss gibt es keinen Gott mehr.
«Göttliches Theater» als Wegweiser
Machen wir einen grossen Sprung. In eine andere Welt. In die mystische Welt. In eine sinnliche Welt, die das Herz berührt. Da wo das «Theatron» zu einem «Ort der Beschauung» wird. Ein Ort, der den Menschen hineinzieht. Wo der verkopfte, debattierende, rechthaberische Mensch jedoch nichts versteht, sich fremd vorkommt, sich von einem exotisch anmutenden Geschehen abwendet.

Nur wer «danke» sagen kann, findet den Zugang. Nur wer sich zurücknimmt, lässt einem Schöpfer den Vorrang. Nur wer sein Leben nach der Liebe ausrichtet, kann Gott erkennen. Nur wer Gott in sein Leben integriert, wird Frieden finden und in Harmonie mit der Welt leben. Einsamkeit löst sich in der Gemeinsamkeit auf. Die Erfahrung des Glaubens öffnet zur Teilhabe an der Heilserfahrung. Nur wer loslässt und sich Gott anvertraut, begibt sich auf den Weg der Begegnung mit Gott.
Dies sind die aktiven Zuschauer und Zuschauerinnen des «göttlichen Theaters», welches sich in der orthodoxen Kirche «Eucharistische Liturgie» nennt.
Dr. theol. Maria Brun
Projekt: Nothilfe für Bistum Tyr