Erntedank, eine Konkretisierung des Schöpfungsglaubens

In vielen Gemeinden wird meist im Oktober Erntedankfest gefeiert. Schon in den vorchristlichen Religionen, bei den Römern sowie im Judentum hatte diese Idee ihren Platz. Die Ernte wird als Geschenk erfahren, das nicht selbstverständlich ist und für das man Dank abstatten soll.

Juden und Christen sehen Gott nicht nur als den Schöpfer der Welt, sondern auch als den, der diese Welt erhält, aus dessen Hand der Mensch seine Nahrung erhält. So wird in der Röm.-kath. Kirche vor allen in den ländlichen Gemeinden vom Fest des heiligen Markus (25. April) bis zum Fest Kreuzerhöhung (14. September) für das Gedeihen der Feldfrüchte gebetet. In der Sorge um das tägliche Brot für alle und als Ausdruck der Fürbitte.

«Gott, der allmächtige Vater, segne euch und schenke euch gedeihliches Wetter; Er halte Blitz, Hagel und jedes Unheil von euch fern. Er segne die Felder, die Gärten, die Reben und den Wald und schenke euch die Früchte der Erde. Er begleite eure Arbeit, damit ihr in Dankbarkeit und Freude gebrauchet, was durch die Kräfte der Natur und die Mühe des Menschen gewachsen ist.»

Foto: S. Stöcklin

Der Herbst ist die Zeit der Ernte und wird nochmal augenfällig als Erntedankfest gefeiert. Die farbenprächtigen Erntegaben, die zum Altar gebracht werden, geben dem Fest einen besonderen Charakter, der unmittelbar ins Auge springt, der auch nachzuvollziehen ist. Als Erntedankfeste können auch andere Feste in Ost und West angesehen werden, wie etwa Weinfeste, Kohl-essen, Martinsgans, Kirmes oder Jahrmarkt, auch Heiligentage verbinden sich mit Erntebräuchen.

Der Termin für ein Erntedankfest hängt von der jeweiligen Klimazone ab, es gibt auch nicht unbedeutende Abweichungen in den verschiedenen Kulturkreisen.

Beispielsweise werden in der byzantinischen Kirche am 6. August, dem Fest der Verklärung des Herrn, Weintrauben gesegnet:

Weinstock, Theodor Poulakis, Byzantinisches Museum, Athen 17. Jh

«Gott, unser Erlöser, dem es wohl gefallen hat, dass sein einzig geborener Sohn, unser Herr Jesus Christus Weinstock genannt wurde und der du seine Frucht als Gastfreund der Unsterblichkeit erwiesen hast durch die Gnade deines Geistes, du selbst, Gebieter, segne auch jetzt diese Frucht des Weinstocks und gib allen, die davon geniessen, die Heiligung und Förderung der Seele; den aber, der uns zusammengerufen hat, mach teilhaftig deines wahren Weinstocks, und bewahre sein Leben ohne Anfechtung, indem du es schmückest mit deinen ewigen und unentwendbaren Gütern. Durch die Gnade und Menschenliebe deines einzig gezeugten Sohnes mit dem du gepriesen bist, samt seinem allheiligen und guten und lebenspendenden Geiste jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen»

Im frühen Mönchtum war das Gebet der Gastfreundschaft von unantastbarer Heiligkeit. Das gilt besonders auch für Alte und Kranke.

«Gib den Greisen Wein und bring den Kranken Speise, denn sie haben ihr Fleisch zur Zeit der Jugend zermürbt.» Evagrios Pontikus

Der Dank für die Ernte ist eine Konkretisierung des Schöpfungsglaubens. Der Mensch erfährt sich weder als Hervorbringer der Welt noch als der, der Wachstum und Ernte garantieren kann. Deshalb antwortet er im Dank für die Erntegaben.

Im Glaubensbekenntnis (Credo) etwa sprechen die Christen: «Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde…»

Auch im «Vater unser» beten die Christen: «unser tägliches Brot gib uns heute» (Mt 6.11) Diese vierte Bitte meint eigentlich täglich (= unentbehrlich) für das Überleben, also für jeden Tag das unerlässliche Brot. Brot meint aber nicht nur Brot an sich und auch nicht nur Nahrung im Allgemeinen, sondern durchaus alles, was wir zum Leben nötig haben. So auch der Sinn dieses Lebens in Gott, in seiner Erkenntnis, in der Liebe zu ihm, in der Gemeinschaft mit ihm, wie es im Evangelium «Leben in Fülle» genannt wird (Joh.10,10). Unser tägliches Brot gib uns heute…könnte auch heissen, lass uns nicht nur existieren, sondern gib uns das volle, tiefe und ewige Leben, für das du uns erschaffen hast.

«In diesem mystischen Essen des Gotteswortes, dessen Bild aus dem natürlichen Vorgang des Essens genommen ist, wird nun auch dieser natürliche Vorgang des Essens selbst von innen her verwandelt. Denn jedes Essen derer, «die in meinem Namen beisammen sind», wird unversehens zu einem Emmaus, bei dem der Herr unerkannt gegenwärtig ist und unverhofft erkannt wird.» Basilius von Caesarea

Ikone der Dreifaltigkeit, Eva-Maria Steidel, Denzlingen 1998

Die Kirchen des Westens und des Ostens haben sich in der ökumenischen Bewegung: «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung» seit einigen Jahren auf einen konziliaren Prozess eingelassen. Die an diesem ökumenischen Dialog beteiligten Kirchen und Gruppen erfahren die der gesamten Menschheit zuteilwerdende Ernte nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit, und die ihnen vorenthaltene nicht als ein Unvermögen der Schöpfung. Es sind die Menschen, die diese Schöpfung samt ihrer Ernte aufs Spiel setzen. Darum ist es wichtig, in unseren Erntedank-Gottesdiensten die Option für die Schöpfung und ihren Erhalt in unser Bitten und Beten einzubeziehen.

Archimandrit Roger Schmidlin


Literatur

  • Handbuch der Ostkirchenkunde Band III Patmos
  • Gabriel Bunge Geistliche Vaterschaft, Lit Berlin
  • Alexios Maltzev, Bitt-, Dank- und Weihegottesdienst Band IV Benediktionale

Projekt: Unterstützung für Latakia