Krönung Charles III. – Ökumene im grossen Stil

Am 6. Mai fand die Krönung von König Charles III. in England statt. Die halbe Welt fieberte darauf hin, war es doch für die meisten Menschen ein erstmaliges Ereignis. Viele Medien vertraten die Ansicht «unzeitgemässer Prunk und Pomp». Es gab TV-Kanäle, die in stumpfsinnigen Sketches schwelgten. Dass es aktuell selbsterkorene Alleinherrscher gibt, die sich ein modernes Feudalsystem aufgebaut haben, und deren Prunkbauten sich zum Teil im Versteckten unter der Erde befinden, wurde nirgends erwähnt.

Ein König, der sich innerhalb eines Gottesdienstes, basierend auf althergebrachten, in der biblischen Überlieferung gründenden Riten und Symbolen, zum König salben lässt, scheint unzeitgemäss zu sein. Das fehlende Verständnis ist Abbild unserer Zeit: Gott ist überflüssig geworden.

Ein König steht vor Gott

König Charles ist sich bewusst, dass er ohne Gottes Beistand seine Aufgabe nicht gelingend wird ausführen können. So hat er sich von Anfang an der Führung Gottes anvertraut. Dieses Eingeständnis drückt Bescheidenheit aus, denn es anerkennt, dass der Mensch alleine nicht viel vermag und je höher und verantwortungsvoller die Aufgabe ist, desto mehr ist der Mensch auf Gottes Rat und Weisheit angewiesen.

Dies bestätigt auch der Wahlspruch von König Charles III.: «Glaube und Dienst».

Die Eröffnung der Krönungsfeier begann mit einem aussergewöhnlichen Symbolakt. Nach dem Einzug von Königin und König stellte sich ein Kind vor den König, als ob es von Gott gesandt worden wäre, und sprach: «Ihre Majestät, als Kinder von Gottes Königreich heissen wir Sie willkommen im Namen des Königs aller Könige.» Darauf antwortete der König: «In seinem Namen und nach seinem Beispiel komme ich nicht, um bedient zu werden, sondern um zu dienen.»

Es soll Platz für alle geben

Wie zu vernehmen war, wünschte sich König Charles eine Krönungsfeier, die «eine Gemeinschaft von Gemeinschaften» sei. So waren Vertreter und Vertreterinnen verschiedener christlicher Konfessionen anwesend: anglikanische, orthodoxe, römisch-katholische, pfingstlerische, unierte, freikirchliche. Ausserdem waren Exponenten des Judentums, Islam, Hinduismus, Buddhismus und der Sikh unter den offiziellen Gästen.

In ungewohnter Weise erklärte König Charles, dass er nicht nur Oberhaupt und Beschützer der Church of England und aller anglikanischen Kirchen sei, sondern dass alle in Grossbritannien vertretenen Glaubensrichtungen und Religionen respektiert werden sollen.

Die Krönungsfeier hatte folglich nicht nur interchristlichen, sondern darüber hinaus auch interreligiösen Charakter.

Ökumenisch eminente Bedeutung

Unter den verschiedenen ökumenischen Gesten im Zusammenhang mit der Krönung von Charles III. bewegten sich einige weit über den gewohnten Rahmen hinaus.

Der wichtigste Aspekt war die Anwesenheit eines offiziellen Vertreters der römisch-katholischen Kirche. Dies ist eine ausgestreckte Hand zur Versöhnung zwischen der anglikanischen und der römisch-katholischen Kirche. Seit der Trennung durch König Henry VIII. im Jahr 1531, also nach beinahe 500 Jahren war erstmalig wieder ein Vertreter der Kirche Roms an der Krönung eines englischen Monarchen zugegen.

Ausserdem hatte Papst Franziskus zwei Kreuzesreliquien übersandt, welche ihren Platz im Vortragekreuz gefunden haben.

Ganz abgesehen davon, dass das Salböl vom anglikanischen Erzbischof Justin Welby zusammen mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Theophilos III. in der Grabeskirche in Jerusalem geweiht worden war. Es war Olivenöl, angereichert mit wohlriechenden Essenzen und ätherischen Ölen aus Sesam, Rosen, Zimt, Jasmin und Orangen.

Das Öl stammte aus dem Olivenhain am Ölberg bei Jerusalem, genauer aus dem Garten der Maria-Magdalena-Kirche, wo Charles Grossmutter, Alice von Battenberg, beerdigt ist.

Durch all diese symbolischen Gesten sollte eine historische Kontinuität zwischen der biblischen Überlieferung, dem Heiligen Land, den christlichen Traditionen und der Familiengeschichte für die Krönung von Charles III. hergestellt werden.

Eine Gemeinschaft von Gemeinschaften

Die Krönungsfeier, die innerhalb eines Gottesdienstes stattfand, wurde mit Psalm 122 eröffnet, der die Freude ausstrahlt, dass der Mensch mit Zuversicht und Vertrauen den Weg zu Gott unter die Füsse nehmen darf. «Ich freute mich, als man mir sagte: ‘Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern’, um den Namen des Herrn zu preisen.» Denn dort stehen die Throne des Hauses David, von denen aus Gerechtigkeit walten soll, damit Frieden und Geborgenheit für alle Menschen werde.

Unter den Klängen dieses Psalms beschritt König Charles III., begleitet und unterstützt von seiner Gattin, Königin Camilla, den langen Pfad in der biblischen Tradition voller religiöser Symbolik, die die ganze Krönungsfeier prägten.

Und mit ihm feierte eine weltweite Gemeinschaft: Vertreter und Vertreterinnen des ganzen Commonwealth, welche symbolisch auch in der Rückwand des Paravent dargestellt waren, sowie alle grossen Glaubensgemeinschaften, christliche und nicht-christliche, die im Vereinigten Königreich ansässig sind. Sie alle stellten sich in die freudige Reihe der Feiernden, um Zeugen dieser Weihehandlung zu werden. Es war keine passive Haltung, nein, ganz im Gegenteil: die Geladenen waren gebeten, sich aktiv zu beteiligen. Hier einige Elemente:

Liturgische Gesänge ertönten auf Keltisch, Walisisch, Gälisch, Irisch, Englisch, Lateinisch und Griechisch.

Ein ausdrucksstarkes Zeichen war ferner, dass der Hindu Premierminister Hon Rishi Sunak die neutestamentliche Lesung vortrug. Ausserdem waren unter den verschiedenen Lords, die die «Regalia» überreichten, ein Muslim, ein Hindu und ein Sikh.

Als Zuschauer und Zuschauerin bekam man tatsächlich den Eindruck einer weltweiten, im Frieden vereinten Gemeinschaft und man fragte sich, inwiefern die Grenzen nicht künstliche Gräben sind.

Charles im Kreis der versammelten Christenheit zum König erhoben

Eine weitere eminent hohe Bedeutung, die sowohl symbolische als auch effektive Aussagekraft hat, ist die Tatsache, dass die nicht-anglikanischen Würdenträger sich zu einem Halbkreis vor dem frisch gesalbten und gekrönten König aufreihten und je einen Segensspruch über ihn aussprachen. Diese kamen von anglikanischer, orthodoxer, freikirchlicher, unierter und römisch-katholischer Seite. Im Anschluss an den Aaronitischen Segen (Num 6,24-26) erbaten sie Schutz und Erfolg, Hoffnung und Glück, Weisheit und Gottesfurcht, Gnade, Langlebigkeit und ewiges Leben sowie den Segen Gottes.

Können ökumenische Gesten noch überhöht werden?

Dr. theol. Maria Brun

Projekt: Löhne für Angestellte im Patriarchat Damaskus