Die Proskomidie – die Bereitung der Gaben von Brot und Wein

Wer eine Göttliche Liturgie im byzantinischen Ritus besucht, bemerkt womöglich, dass sich im Chorraum hinter der Ikonostase (Bilderwand) bereits vor dem eigentlichen Beginn der Liturgie einiges tut. Es sind tatsächlich bereits liturgische Handlungen im Gange, die zwar den Blicken der Gläubigen entzogen sind, aber wesentlich zur Liturgie dazugehören. Es findet die Proskomidie statt, die Vorbereitung der eucharistischen Gaben von Brot und Wein, die schliesslich in der Anaphora (Hochgebet) zu Leib und Blut Jesu gewandelt werden.

Die Proskomidie1

Dieses griechische Wort bedeutet „Darbringung“; es erinnert an den Brauch der ersten Christen, Brot, Wein und alles Nötige für den Gottesdienst in die Kirche zu bringen, damit gemeinsam die Liturgie gefeiert werden kann.2 Die Proskomidie als eigenständiger Teil der Liturgie hat eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich.

War in den ersten Jahrhunderten die Bereitung der Gaben durch die Diakone noch sehr schlicht und kurz gehalten, entwickelte sich ab dem 8. Jahrhundert die Gabenbereitung zu einem hoch symbolträchtigen rituellen Akt, dem nun der Priester vorstand. – Es entstand eine tiefe Beziehung zwischen der Gabenbereitung einerseits und dem Geheimnis der Geburt und Menschwerdung wie auch dem Leiden und Sterben Jesu Christi anderseits. Diese Verbindung widerspiegelt sich in den verschiedenen liturgischen Geräten, die zur Proskomidie gebraucht werden, wie auch in den die einzelnen Handlungen begleiten-den Schriftzitaten und Gebeten.3 Deutlich wird diese Verbindung auch durch die Ikonen, die auf oder über dem Rüsttisch (Prothesis) angebracht sind: Die Geburt Jesu und/oder die Grablegung Jesu.

Die Prosphoren und der Wein – die eucharistischen Gaben

Die Prosphore (griechisch: die Darbringung; die Gabe; Opfergabe)4 ist das aus reinem Weizen und Wasser gebackene und gesäuerte Brot. Es besteht aus zwei Teilen: aus einem etwas grösseren unteren, und einem etwas kleineren oberen Teil; diese Zweiteilung des Brotes weist auf die zwei Naturen Jesu hin, die göttliche und die menschliche.

Auffallend ist vor allem das Siegel, das dem oberen Teil eingeprägt wird: Das Siegel zeigt ein Kreuz mit den Buchstaben IC XC (Abkürzung für Jesus Christus) und NI KA (griechisch: siegt). – Jesus Christus siegt.

Es ist denn auch dieses Siegel, das der Priester mit einer Lanze in vier Schnitten aus der Prosphore herausschneidet, bei jedem Schnitt begleitet durch die Worte:

  1. „Er (Christus) wurde wie ein Schaf zum Schlachten geführt (Jes 53,7). –
  2. Und wie ein unschuldiges Lamm vor seinem Scherer verstummt, so tat er seinen Mund nicht auf (Jes 53,7). –
  3. In seiner Demut ward das Gericht von ihm genommen (Jes 53,8). –
  4. Und wer kann sein Geschlecht erforschen (Jes 53,8)?“

Der Priester erhebt nun das herausgeschnittene, viereckige Stück, das „Lamm“, Christus, und spricht: „Denn sein Leben wurde von der Erde hinweggenommen (Jes 53,8).“

Darauf wird das „Lamm“ kreuzweise eingeschnitten, begleitet durch die Worte: „Das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt trägt, wird geschlachtet für das Leben und das Heil der Welt.“ – Daraufhin stösst der Priester die Lanze in die rechte Seite des Lammes und spricht: „Einer der Soldaten durchbohrte seine Seite mit der Lanze, und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der, der es sah, legte Zeugnis dafür ab, und sein Zeugnis ist wahr (Joh 19,34-35)“.

Es ist ausschliesslich dieses herausgeschnittene, rituell geschlachtete Lamm, das in der Anaphora, im Hochgebet resp. beim Einsetzungsbericht und mit der Herabrufung des Heiligen Geistes zum Leib Christi gewandelt und den Zelebranten wie auch den Gläubigen zur Kommunion gereicht wird.

Nach der Bereitung des Lammes werden in der Heiligen Einigung Wasser und Wein gesegnet und durch den Diakon in den Kelch gegossen.

Die Gottesmutter, die Heiligen, die Lebenden und die Verstorbenen – sie alle sind präsent

Mit der Bereitung des Lammes ist die Proskomidie allerdings noch nicht abgeschlossen. Aus weiteren Prosphoren (Brote) werden nun einzelne Teile herausgeschnitten, die für Personen stehen, die sich um das Lamm versammeln: das grösste Stück zur Rechten des Lammes steht für die Gottesmutter Maria; der Priester betet: „Zu Ehren und zum Gedächtnis unserer hochgelobten… Gottesgebärerin und immerwährenden Jungfrau Maria; auf ihre Fürbitten, o Herr, nimm dieses Opfer auf Deinen überhimmlischen Altar an.“

Weitere neun Partikel zur Linken des Lammes stehen für verschiedene Heilige Frauen und Männer, Apostel, Märtyrer, Kirchenväter und schliesslich für den Hl. Johannes Chrysostomos. Sie alle sind hier um Christus versammelt gegenwärtig.5

Und schliesslich wird nun auch der Lebenden und der Verstorbenen gedacht, der kirchlichen Obrigkeiten und aller Brüdern und Schwestern, für die in dieser Liturgie gebetet wird. Für sie alle legt der Priester einzelne Partikel unterhalb des Lammes auf den Diskos (die Patene) und gedenkt ihrer im Gebet.

Diskos (Patene) und Kelch werden nun mit Decken verhüllt und beweihräuchert, wiederum begleitet durch verschiedene Gebete und Schriftzitate. Abschliessend betet der Priester: „Gott, unser Gott, Du hast das himmlische Brot, die Nahrung der ganzen Welt, unseren Herrn und Gott, Jesus Christus, als Retter, Erlöser und Wohltäter gesandt, der uns segnet und heiligt. Segne Du selbst das Dargebrachte und nimm es an auf Deinen überhimmlischen Altar. Gedenke, Gütiger und Menschenliebender, derer, die sie dargebracht haben, und auch derer, für die sie dargebracht wurden…“.6

Die Proskomidie, die Bereitung der Gaben bringt symbolhaft, anschaulich auf den Punkt, worum es in der Göttlichen Liturgie geht: Wir alle, ob Leben-de oder Verstorbene, grosse Heilige oder einfache Gläubige, wir alle, zusammen mit der Gottesgebärerin Maria, sind um Christus, dem wahren Lamm Gottes, versammelt. Himmlische und irdische Wirklichkeit treffen aufeinander und kommen hier, in diesem Mysterium zusammen, vereint in der Göttlichen Liturgie und getragen durch den Glauben und gestärkt durch das Vertrauen auf Christus, der mitten unter uns ist und sich schenkt in diesem Brot und diesem Wein als Nahrung und Stärkung für unsere Seele und unseren Leib.

Daniel Blättler, Protodiakon


  1. Bild: https://www.askitikon.eu/agiologio/34143/tisymvolizoun-
    ta-iera-skevi-tis-th-efcharistias
    / ↩︎
  2. Vgl. Andrei Lorgus, Michail Dudko, Orthodoxes Glaubensbuch. Einführung in das Glaubens- und Gebetsleben der Russischen Orthodoxen Kirche. Verlag Der Christliche Osten, Würzburg 2001. S  83 ↩︎
  3. Vgl. Konrad Onasch, Lexikon Liturgie und Kunst der Ostkirchen, Buchverlag Union, Berlin/München 1993, S. 321 ↩︎
  4. Bild: https://obitel-minsk.org/de/die-goettliche-liturgie-proskomidie ↩︎
  5. Bild: https://oca-uaoc.org/the-prothesis.html ↩︎
  6. Zitate aus: Orthodoxer Gottesdienst, Band 1, Die  göttlichen Liturgien. 1. Teil Die göttliche Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos, Verlag Fluhegg ↩︎

Projekt: Nothilfe für Pfarrei Alma Chaab